Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Panasien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 764 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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BEMERKUNGEN PANÄSIEN Als der Schreiber dieser Bemerkung zu einem Thema, dessen Wichtigkeit kaum annähernd nur aufgezeigt werden kann, gegen Ende des Kriegs entlang der Baghdad- und Higäzbahn, von Konstantinopel bis Jerusalem, tastendeVersuche machte,die panasiatische Idee zu propagieren, traf er — wenige Ausnahmen bestätigen die Regel — auf Verständnislosigkeit bei den einen und auf Böswilligkeit bei den von Europa Angegriffenen. Seine erste panasiatische Schrift stieß auf Kritik der Verständnislosigkeit und auf jene ernüchternde Phantasielosigkeit, die nur ein technowahnsinniges Europa gebären kann. Kaum drei Jahre später, eine lächerlich geringe Zeitspanne, war das, was dort prognostiziert worden war, augenfällige Tatsache geworden, augenfällig zumindest, soweit politische Angelegenheiten in Betracht kommen. Die KJrlegsergebnisse hatten eine Entwicklung, von deren Beginn selbst ihre Träger nur eine unklare Ahnung hatten, in unerhörtem Maße beschleunigt, denn wenn man auch die kargen Meldungen, die der zensurierte Orientkabel bringt, um jenes Maß reduziert, das die Lektüre derartiger Meldungen stets erfordert, wenn man Qemal Mustapha oder die Ge-. fechte an den Pässen von Afghanistan aller Östlichen Romantik entkleidet, bleibt genug, um zu erkennen: daß die orientalische Welt in eine Bewegung eingetreten ist, daß diese Bewegung vom äußersten bis zum nahen Osten* parallele Symptome aufweist und daß ein Gedanke sie beherrscht. Noch kann nicht von einem klar umrissenen panasiatischen Programm gesprochen werden — kann Überhaupt eine asiatische, eine allasiatische Bewegung ein fixiertes Programm haben, das klarer umrissen ist, als elementare Gefühlsäußerungen umschrieben werden können? — doch der sinnfällige Ausdruck einer gewissen Höchstspannung von Gefühls- und Geistespotenzen auf verschiedenen Punkten Asiens einem gemeinsamen Ziele zu ist nicht zu übersehen. Der einfache, primitive Fremdenhaß, der 1900 als Antwort auf die Banditen- Invasion sich als Boxeraufstand entlud, ist als bestimmender Faktor abgetan, wenn auch Fremdenhaß als elementare Reaktion auf schamloseste Ausbeutung und Unterdrückung an allen Enden weiterglimmt; der Haß beginnt vergeistigt zu werden, dem negativen Gefühl wird eine gewaltige positive Komporiente zugeführt; die besten Köpfe und die besten Herzen des Ostens fühlen ein ungleich Höheres, durchaus Positives, wenn sie fühlen: „Ganz Asien ist eins/* Ihnen geht es nicht um das Abreagieren eines Haßgetühls gegen' ökonomische oder politische Unterdrückungen — politischer Gegendruck dort oder da ist je nach seiner Natur elementare Ausdrucksform der „rasend gewordenen Vornehmheit der menschlichen Natur" (wie der vorzügliche neuchinesische Schriftsteller Ku Hungming sagt), oder aber Symptom — es geht hier um eine Ahnung, die zu gleicher Zeit in China, in Indien, im vorderen Orient und bei einigen Juden — nach Westen versprengten Teilen des Ostens — aufbrach: um die Ahnung, von der aus aller Empirie, aus allem Weltgeschehen, aus aller ethischen Sendung notwendigen restlosen Befreiung des Orients von Bevormundung durch den Okzident. Das Wort „Panaslen" ist eine Vokabel. Die Sprache kennt keinen Ausdruck für einen Begriff, dessen ungeheure Weite sich nicht in Worte fangen läßt, sie kann aber eine Ahnung geben von einer unermeßlichen Gewalt, die sich eben aufmacht, die Hegemonie der Technik und des Kapitals über den orientalischen Geist zu stürzen, nicht um eine neue Hegemonie aufzurichten, sondern um nach Abbruch jener fiktiven Brücken, die ein Traktätchengeist kapitalistischer Missionäre lange genug vortäuschte, zu einem Nebeneinanderleben von West und Ost zu gelangen, welches jede Aeußerung des Machtwillens ausschließt... Es kann hier über die Grundlagen des panasiatischen Gedankens nicht gesprochen werden, über die unerhörten geistigen Parallelen auf dem ganzen Östlichen Kontinent, es sei nur vermerkt: die panasiatische Idee ist wie jede Idee in der Stunde der Geburt intuitiv erfaßtes Ereignis der Zukunft, nicht erkenntnisgebundenes