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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 762

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Der Jude im Roman
Date
1921-01-01
Page
762 (sequence 5)
Language
German
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76a SiegfriedvanPraäg: kungen, besteht eben darin, daß er den Juden nie in der eigenen Umgebung schildert, sondern in einer ihm fremden, von der er grell absticht. Dasselbe Verfahren, umgekehrt angewandt, ein typischer Arier in ein jüdisches Milieu versetzt, würde dasselbe Resultat aufweisen: er würde häßlich und lächerlich erscheinen, nicht durch seine Schuld, aber durch die Disharmonie zwischen ihm und seiner Umgebung. Dadurch, daß man solch einen Roman zur Wagschale macht, in der Jude und Arier gegeneinander aufgewogen werden, wird das Wortkunstwerk mehr eine Kundgebung pro oder contra als ein Roman, fehlt ihm das Ruhige, das selbst in Zeiten großer Unruhe den Untergrund des allgemeinen Lebens bildet und das auch der Untergrund des das Leben spiegelnden Romans sein soll. Und diese Unruhe des Schriftstellers teilt sich seinem jüdischen Typus mit, der ebenfalls unruhig wird und auf ein Podium gestellt scheint, damit ein jeder sich einmal richtig ansehen kann, wie der Jude ausschaut. Der Roman, in dem ein Jude vorkommt, erhält dadurch das überhitzte, unwirkliche Wesen eines Schlachtfeldes. Moses Herve, der eine Dissertation schrieb über die Juden in der französischen Literatur, konnte keine andere Haupteinteilung finden als die in „judenfeindliche und judenfreundliche Literatur". Solch ein Zustand ist doch ungeheuerlich. Man stelle sich, was über Deutsche geschrieben wurde, als in freundliche und feindliche Literatur eingeteilt vor. Was bliebe übrig vom innigen Milieustudium, von der Charakterisierung der verschiedenen Stände, Provinzen usw.? Dieses Hindernis fällt weg bei dem für Juden schreibenden Juden. Er kann in seiner Beurteilung objektiv sein, weil er geschrieben hat mit der Liebe, die man für seine Familie empfindet, und gelesen wird von Menschen, in deren Herzen dieselbe Liebe leben muß. Er weiß, daß, wenn er eitlen schlechten Menschen hinstellt, der ihn lesende Jude nicht sagen wird: „Da sieh, so sind sie", ebensowenig wie der Holländer, der über Batavus Droogstoppel liest, nun seinem Volke die Achtung entziehen oder ihm weniger Liebe schenken wird. Dadurch bekommt der Roman etwas Ruhigeres, Wohltuenderes, Intimeres. Objektiv vermag nur derjenige zu sehen, der mit Liebe sieht. Wer objektiv zu sehen trachtet, aber keine Liebe mitbringt, kann nur Einzelheiten sehen, und ihm entgeht die große Kohäsion der Artgenossen, welche ich Liebesharmonie nennen möchte und die auch das Prinzip der Schönheit einschließt, denn Schönheit ist nur die Sphäre, welche Einheiten, die sich einander nähern, umeinander weben. Schönheit, wie die körperliche so die geistige, entsteht aus dem Sichaneinanderschließen, aus der Verbindung von vielerlei Arten Geist oder vielerlei Arten Stoff, die einander verstehen und dieses Verstehen einem Menschen wahrnehmbar kundgeben. Da also das Gute, das Schöne eines Gegenstandes in seiner Verbindung mit einem gleichen Gegenstande wurzelt und nichts aus sich selbst heraus schön oder gut ist, kann nur der, der diese Gemeinschaft miterlebt, sie mit

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