Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Jude im Roman
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 763 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude im Roman 763 dem Gefühl erkennen und wiedergeben, und eine Gemeinscheft kann man nur miterleben, wenn, man dazu gehört, wenn man durch dieselben Lungen atmet und sein Blut zieht aus demselben Herzen. Mit anderen Worten, nur der Schriftsteller, der bewußt einem Volke angehört und, in Liebe umgesetzt, bewußt das Band fühlt, das ihn an die andern und die andern untereinander bindet, ist imstande, die Seele, die Güte, die Schönheit dieser Gemeinschaft wiederzugeben. Für die Juden haben einige wenige dieses zu leisten vermocht. Diese Schriftsteller schrieben für Juden, haben nicht durch die Antithese Jude- Nichtjude die Innigkeit ihres Werkes zerstört, und in der warmen, vertrauten Sphäre, die um ihr Buch gebreitet ist, vermochten sie objektiv ihre Charaktere hinzustellen und die Blüten und Verdorrungen jüdischer Seelen zu geben, geschützt gegen fremde Grausamkeiten in dem warmen, gedeckten Gewächshaus, welches das liebende Gemüt des Schriftstellers ist. Hugo, der junge Held von Max Brods „Jüdinnen", der nach einer Harmonie in der Zukunft sucht, welche er errät ohne sie zu begreifen, gibt schüchtern die Devise: Jüdisch und edel. Wir müssen die Schönheit, die Güte aus den jüdischen Massen und den jüdischen Einzelnen von heute und gestern herausdestillieren und diese zarte und edle Essenz als ein Heiligtum bewahren, müssen uns von ihr durchdringen lassen. Als Beispiel jüdischer psychologischer Kunst möchte ich die kleine Erzählung „Die Verlobten" aus den „Bikurim" von van Kampen nennen. Hier wird keine Fassade kopiert. Hier wird Steinchen vor Steinchen ein Haus, gebaut, ein schönes und trauriges Haus, die Seele eines jüdischen Proletariers, der viel Willen besitzt und Denkkraft genug, um sein Unvermögen einzusehen, und eine so große Gefühlskraft, daß er leidet, wie sein Volk zu leiden fähig ist. Wir wissen, daß jedes gefühläußernde Wort in dieser zarten und bescheidenen und wie ein Kleinod kostbaren kleinen Skizze von Tausenden unter uns gesprochen wird, wir wissen, daß aus solchen heftigen und schüchternen Gefühlskomplexen Tausende jüdischer Seelen aufgebaut sind. Ich hoffe, daß das Westjudentum, dem Ostjudentum gleich, uns immer mehr Schriftsteller schenken wird, die über uns und für uns schreiben und uns auf unsrem Wege begleiten werden wie eine auserwählte Schar, die unsre Trauer und unsre Sehnsucht ausspricht, bis wir alle zusammen,* die aus dem Westen und die aus dem Osten, vereint sind in einem Erez Israel, wo die Kinder dieser Schriftsteller das Verbannungslied ihrer Väter ausklingen lassen werden, um hebräisch den Gesang von Israels Sonnengang anzustimmen. 49*