Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Jude im Roman
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 760 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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76o S i e g f r i e d v a n Fr a a g: immer'*" mehr oder weniger des Innerlichen eingeschlossen. So wie Shylock nicht Fleisch schneiden konnte ohne auch Blut zu vergießen, ist es nicht möglich eine Tat zu verrichten, die auf die Ausführung eines bestimmten Willens beschränkt bliebe. Immer haftet ihr mehr von uns selber an, als die bloße Ausführung dieses Willens erfordert. Der scharfsichtige Schriftsteller lernt denn auch durch die Tat die Seele einer andern Rasse einigermaßen kennen. Je typischer eine Handlung, desto mehr vermag er aus ihr zu lernen, und je typischer ein Mensch, desto typischer der Eindruck, den er auf den Scharfsichtigen macht. Typische Menschen sind Extreme; der Schriftstelller also, der eine fremde Rasse studieren will, geht naturgemäß bei ihren Extremen in die Lehre, wo er aus dem äußeren Anschein, dem einzigen ihm zu Gebote Stehenden, etwas über das Innerliche erfahren kann. Am Durchschnittsmenschen, dessen Wesen nicht auffällt, geht er vorbei, denn da dessen äußere Kundgebung nichtssagend ist, vermag sie ihn nicht zu belehren. Aui diese Art lernt man aber die Rasse niemals kennen, da dasjenige, was im Extrem in den Vordergrund tritt, das Individuelle ist, der junge Wuchs, der im Boden der Rasse wurzelt, aber das Primordiale überwuchert und es dem Blick des Zuschauers verdeckt. Ich bin einmal dem nachgegangen, was französisch-arische Autoren, die in ihrem Roman Juden studierten, aus diesen machten. Sie gaben Menschen mit jüdischem Äußern; sie ließen sie manchmal jüdisch handeln, nie ließen sie sie jüdisch denken und fühlen. Der größte Fehler, den Arier, über Juden schreibend, begehen, besteht darin, daß sie die bei einem einzelnen Juden vorgefundenen Eigenschaften generalisieren. Wenn man überhaupt etwas über Juden im allgemeinen aussprechen darf, ist es dieses, daß Juden nicht restlos unter dem Begriff einer Allgemeinheit zu fassen sind, da nirgends das Individuum so stark., und eigenmächtig wächst und so sehr von der festgesetzten Norm abweichen kann, wie bei den Juden. Eine eventuelle jüdische Norm würde sofort durch die Fülle der Ausnahmen zersplittert. Einer der größten Fehler, die der arische Schriftsteller in seinem Generalisationseifer gegen die jüdische Psyche begeht, ein Fehler, den ich noch kürzlich in dem sonst so warm empfundenen Roman von De Vogüe „Les morts qui parlent" gefunden habe, ist dieser: sie haben unter den naturgemäß assimilierten, im* „grand-monde" oder der Künstlerwelt lebenden jüdischen Intellektuellen den Strebertypus entdeckt, den Mann, der genau weiß was er will, begabt mit scharfem Verstand und eiserner Intelligenz und beseelt von Idealen, deren Verwirklichung er verknüpft mit dem sozialen Aufstieg seiner Person; ein Typus, der bei Juden sowohl als bei andern vorkommt. Daraus leitet der Schriftsteller nun ab, daß es in der Judenseele wenig Kampf zwischen Phantasie und Wirklichkeit „gebe, daß alles in ihr sorgfältig geordnet und mathematisch geleitet, alles ohne Zaudern unverrückbar, auf ein Ziel gerichtet sei, das durch persönliches Interesse oder auch durch edlere Motive diktiert sein kann Eine jüdische Seele* müßte demnach eine