Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 757 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 757 " ■ : — — - — r ~~ —% Die vergrämten und; weinenden Frauen kommenbeim Schul-Einreißen zu ihrer Torah. Sie kommen zur treuen Hüterin und Beschützerin» zur Mutter des jüdischen Volkes* Wie efn Kind die Mutter um Rettung aus schwerer Not und Bedrängnis bittet, wird hier die Torah in kindlichnaivem, weinend-flehentlichem Ton angegangen,. daß sie sich beim himmlischen Vater für den Kranken einsetze. Das Bitten und Flehen geschieht hier nie nach einem festen vorgeschriebenem Text. Die Worte kommen frei und ungebunden, eben wie ein Kind zu seiner Mutter spricht - Ein tief bewegender Moment ist es, wenn mitunter mitten während der gottesdienstlichen Andacht laut wimmernde Frauen plötzlich in die Synagoge oder ein sonstiges Bethaus stürzen,-geradeaus zur heiligen Lade eilend, sie hastig öffnen und mit einem durchdringenden Schmerzensschrei die Torah um Fürsprachefür einen Kranken anflehen. Die Anwesenden erkundigen sich unter leisem Zuraunen nach dem Namen des Kranken. In kleineren Gemeinden wissen es schon in der Regel alle, wem dies Schul-Einreißen gilt Man weiß es nun schon auch, daß der Zustand des Kranken ein sefir bedrohlicher ist und daß er »groß Rachmim" im Himmel bedarf, da das „Schul-Einreißen" als einer der letzten Rettungsanker gilt, zu dem man nur bei äußerster Gefahr Zuflucht nimmt. Durch das Schul-Einreißen wird gewissermaßen schon der Öffentlichkeit der gefahrdrohende Zustand bekannt gegeben3 wozu man im Osten sich nur in äußerster Not schweren Herzens entschließt. Teilnahmsvoll und unter allgemeinem Schweigen unterbricht die Betgemeinde den Gottesdienst und läßt die jammernden Frauen in ihren Bitten an der heiligen Lade ungestört gewähren. Tiefempfundenes Mitleid und trauriger Ernst ist auf den unter dem Eindruck des furchtbaren Jammers erblaßten Gesichtern zu lesen. Allseits werden Seufzer laut und nur selten bleibt ein Auge trocken, zumal wenn es das augenscheinlich schon verlöschende junge Lebenslicht eines Vaters oder einer Mutter unversorgter Kinder ist, für welches hier die Fürsprache der Torah angerufen wird. Heute nach vielen Jahren stehe ich noch unter dem markerschütternden Eindruck von solchen Schul-Einreißen, die ich in meiner frühesteh Kindheit miterlebt habe. Oft kommt es vor, daß die Frauen bei einem solchen Schul-Einreißen sich nicht von der Torah trennen können und immer wieder ihr Bitten und Flehen-unter jedesmal lauterem Jammern wiederholen, so daß der Gottesdienst eine allzu lange Unterbrechung erleidet. Es bedarf dann des schonungsvollen, milden Zuredens von Seiten des' Tempeldieners oder Vorstehers unter Hinweis auf die ungebührliche und im Sinne der Vorschrift unstatthafte lange Unterbrechung des Gottesdienstes, wie auch darauf, daß des Bittens und Weinens genug sei und daß die Gnade des Himmels für den Kranken nicht ausbleiben werde, bis es gelingt, die Frauen zu bewegen» daß sie sich von der heiligen Lade trennen und sich aus dem Bethaus entfernen. In stiller Wehmut blicken die Anwesenden nach der Seite der abziehenden Frauen, denen alle den Segen der „Refuah Schelemah" für den Kranken zurufen, was diese mit einem lauten, von tiefem Herzen kommendem