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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 758

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
758 (sequence 6)
Language
German
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758 S i e gf rie d v an P r a a g: Amen erwidern. In - gedrückter Stimmung wird; nun der Gottesdienst fortgesetzt. Wird an diesem Tage aus der Torah. gelesen, dann sagt man vorher, den für die Genesung eines Kranken traditionellen Segensspruch, den sog. Mi Scheberach. Ebenso wie beim Kwurim-Reißen, werden auch beim Schul-Einreißen Almosen an Arme für die Genesung des Kranken verteilt. Geschieht das Schul-Einreißen im Bet-ha-Midrasch, Klaus bezw. Stübl, wo stets Lernende, Batlanim oder sonstige Arme sich aufhalten, dann wird bei solcher Gelegenheit an diese Geld gespendet, daß sie für den Kranken beten, Psalmen sagen und auf sein Wohl und seine Wiedergenesung „Tikkun" trinken. SIEGFRIED VAN PRAAG / DER JUDE IM ROMAN In vielen neueren Romanen sind Juden die Hauptpersonen in von Juden und von Nichtjuden verfaßten Romanen. Aber der Roman, in dem Juden auftreten, hat fast immer eine Tendenz, sei sie angreifend, verteidigend oder auch didaktisch, um den andern dieses und jenes aus dem jüdischen Leben zu erklären. Nun wird aber ein stets in den Vordergrund gerücktes Ziel auf die Dauer langweilig. Der Roman muß Berührungspunkte zwischen dem Einzelnen und dem Publikum, das ihn empfangen soll, voraussetzen. Kraft seines besonderen Talents hat der Schriftsteller aus einer Materie, welche wie ihm so auch dem Publikum wohlbekannt ist, seine Essenz gezogen. Der jüdische Schriftsteller, der über Juden schreibt soll so schreiben, als ^ob er ausschließlich für Juden schriebe; dann wird er sein Eigenstes geben können und das pedantische Gefühl vermeiden, daß die andern diesmal etwas ganz Besonderes lesen werden, über etwas, wovon sie keine Ahnung haben und das er ihnen nun einmal deutlich auseinandersetzen wird. Ein Roman für alle ist nicht ein solcher, der mit Absicht für alle geschrieben ist, sondern einer, der von allen angenommen wird. Multatuli setzt unbewußt eine Geistesgemeinschaft, die „Max Havelaar" versteht, voraus, weil die Essenz aus dem gemeinschaftlichen Besitz von Schriftsteller und Lesern gezogen ist. Im allgemeinen bedeutet der Gebrauch einer bestimmten Sprache die ethnische Abgrenzung des durch den Schriftsteller gemeinten Leserkreises auf die Sprecher dieser Sprache, die Bewohner eines Landes. Sich für eine Sprache entscheiden, heißt seine Leser bestimmen, und da naturgemäß die Wahl der Sprache beschränkt ist und man nur in seiner Muttersprache schreibt, wendet man sich unbewußt an Stammes- und Sprachgenossen und baut sein Wortgebäude auf einem Boden, in einer Atmosphäre, die man als bekannt voraussetzt. In jedem Buch ist eine Basis» die man sich als bekannt vorstellt, also nicht näher beschreibt.

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