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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 756

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
756 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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756 Samuel Rappaport: zumal man doch die Torah nicht zu solchen Zwecken aus der heiligen Lade heben darf, sondern sie wird angerufen, daß sie selber unvermittelt sich für die Genesung des Kranken beim himmlischen Gerichte einsetze. Zum Schul-Einreißen begeben sich weibliche Verwandte oder sonst dem Kranken nahestehende weibliche Personen in die Synagoge oder in ein sonstiges öffentliches Bethaus, das, wenn es geschlossen ist, beim Anblick der jammernden Frauen vom Diener, der gewöhnlich im Gebäude oder in dessen nächster Nähe seine Wohnung hat, sofort geöffnet wird. Die Frauen begeben sich geradeaus zur heiligen Lade, in der sich die Torahrollen befinden, schieben den davor angebrachten Vorhang, das sog. Parochet, hastig zur Seite und öffnen, wenn der Synagogendiener dies nicht selber schnell genug getan hat, die Türflügel der heiligen Lade. Unter lautem Jammern und Schluchzen flehen sie, die Köpfe in die Lade steckend, die heilige Torah an, sie möge, mit Rücksicht auf die Verdienste des Kranken, der die Gebote der Torah gehütet, eingedenk seiner Frömmigkeit und seiner guten Werke, und insbesondre, wenn es sich um Vater oder Mutter von kleinen, unversorgten Kindern handelt, aus Erbarmen mit den unschuldigen „Schäflein", zu Gott eilen und Genesung für den um sein Leben ringenden Kranken erbitten. Der innige und tiefe Zusammenhang der jüdischen Seele mit der Torah wird in einem solchen Moment deutlich empfunden. Die Torah ist hier nicht ein in scheuer und kalter Ehrfurcht betrachtetes, außerhalb des Individuums stehendes Wesen; sie ist ein unzertrennlicher Teil des jüdischen Ich. Durch Jahrtausende alte Bande ist die jüdische Seele mit der Torah „geknüpft und gebunden". Unzählige Male wurde die Torah von brutaler Hand geschändet, mit Füßen getreten und verbrannt, weil sie eben das heiligste Kleinod der jüdischen Seele bildet Noch im letzten Weltkrieg wurden in Galizien, Polen und Rußland unzählige Torahrollen von der Soldateska und den Bauern in Stücke gerissen, mit Füßen getreten und teilweise zum Flicken der Schuhe, als Beinkleider oder als Pferdedecken verwendet. Man schändete die Torah, weil man damit die jüdische Seele verwunden wollte. Andererseits bildet das große jüdische Martyrium das ewige Zeugnis der ewigen unendlichen Liebe des jüdischen Volkes zu seiner Torah. Freudig gingen die jüdischen Massen in den Tod und~nnter Gesang bestiegen sie den Scheiterhaufen, weil sie von der Torah nicht lassen wollten. Im Osten ist der innere Zusammenhang von Judentum und Torah noch frisch und lebendig. Als während des furchtbaren Pogroms am 23. November 1918 die blutrünstigen Bestien die altehrwürdige große sog. vorstädtische Synagoge in Lemberg in Brand setzten, eilten zwei Knaben, Schüler, in das brennende Heiligtum, um das teuerste Gut, das der Jude besitzt aus den Flammen zu retten; sie sind leider — David Rubinfeld und Israel Feigenbaum hießen die Märtyrer — als sie mit den Torahrollen im Arm aus dem Flammenmeer hinauswollten, von den ihnen nachgesandten Kugeln durchbohrt tot zusammengesunken. Die Torah umklammernd fand man einen von ihnen als Leiche wieder. —

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