Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 754 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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754 Samuel Rappaport: maßes wird die in jedem Lande übliche Masseinheit genommen. In Galizien jedoch wird trotz des schon seit vielen Jahren eingeführten Metermaßes noch immer nach dem Ellenmaß gerechnet. Manche sehr bemittelte Kreise spenden auch ebensoviele Längeeinheiten von Leinen, als der Faden beträgt, für fromme und gute Zwecke. Dieses Leinen wird zumeist der in der Regel das Ortsspital wie den Friedhof verwaltenden „Chewrah Kaddischah" übergeben. Diese verwendet das ihr übergebene Leinen, je nach Bedarf, als Wäsche für im Ortsspital oder in häuslicher Pflege sich befindende arme Kranke, oder als Totenkleider für ohne jegliche Mittel Verstorbene als sog. „Urime Tachrichim" (arme Totenkleider). Aehnlich wie das Messen des Friedhofs wird auch das „Kwurim-Mesten" d. h. Gräbermessen vorgenommen, nur mit dem Unterschied, daß statt des Friedhofsumfangs der Umfang von Gräbern von nahen Verwandten, Zaddikim und sonstigen verehrten Personen mit einem Faden unter Beten gemessen wird. Auch hier wird der Faden, mit dem die Gräber gemessen ^wurden als Docht für die der Synagoge oder einem Bethaus geweihten Kerzen verwendet, und wie dort werden auch hier von manchen, den Längeeinheiten des Fadens entsprechend, ebensoviele Münzen bezw. Leinenmengen für fromme und wohltätige Zwecke gespendet. Das Gräbermessen wird im allgemeinen häufiger vorgenommen als das Friedhofmessen. Es ist nicht so umständlich und mit weniger Kosten verbunden. In den breiten, insbesondre den weniger bemittelten Volksklassen ist deswegen das Gräbermessen weit populärer als das Friedhofmessen. In manchen Volkskreisen ist es auch beim Friedhofbezw. Gräbermessen üblich, ebensoviele einzelne Kerzen oder soviel Gewichtseinheiten, Pfunde oder Kilogramm, von Kerzen in die Synagoge oder in das Bethaus zu geben, wieviel Längeeinheiten der Meßfaden beträgt. Das Friedhofmessen geschieht nur sehr selten neben dem Gräbermessen. In der Regel wird jeweilig das eine oder das andere geübt. Nur kommt es mitunter vor, daß wenn z. B. trotz des Gräbermessens keine Besserung beim Kranken eingetreten ist, zur Verstärkung der Segullah auch das Friedhofmessen vorgenommen wird. Zu den im Osten, bei schon sehr bedrohlichem Zustande, allgemein verbreiteten Bräuchen gehört das sog. „Schul-Einreißen" d. h. Synagogenbezw. Bethausstürmen. Das „Schul-Einreißen" geschieht ausschließlich durch Frauen, in der Regel aus dem Kreis der allernächsten Verwandten des Kranken. Bestürmt wird eigentlich nicht die Synagoge bezw. das Bethaus als solches, sondern hauptsächlich die Torah oder besser gesagt die Torahrollen, die in der heiligen Lade sich befinden. Die Torah ist der schützende Genius und der Lebensquell des jüdischen Volkes. Als nach der Zerstörung des ersten Tempels und der Vertreibung der Juden aus ihrer Heimat die Ahnen vor Gott kamen um Gnade und Vergebung zu erbitten, da erwiderte Gott, das jüdische Volk hätte sein schweres