Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 753 (sequence 1)
- Language
- German
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„ Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 753 SAMUEL RAPPAPÖRT /AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN VI Krankheit 3, Bräuche gegen Krankheit E. Gräber- und Schulstürmen (Schluß) Manche pflegen aus Anlaß des Gräberbesuches bezw. Gräberstürmens, des sog. „Kwurimreißens", auch den Friedhof betend zu umkreisen, was man im Osten mit „Bet Olam- oder Bet ha Chaim-Arimgein" (Herumgehen) bezeichnet. (Bet Olam ewiges Haus [Kohelet 12. 5], Bet ha Chaim Haus des [ewigen] Lebens. Benennungen für den Friedhof.) Im Talmud wird erzählt, daß einst eine Frau, deren Sohn schwerkrank darniederlag, den Tempelberg in Jerusalem so lange ohne Unterlaß betend umkreiste und nicht weichen wollte, bis ihr Gebet im Himmel erhört worden war und man ihr die Nachricht überbrachte, daß ihr Sohn genesen sei (Tr. Semmachot Abschnitt 6). Auf dieser Legende ist der allgemeine und besonders im Osten sehr verbreitete Brauch gegründet, am Rüsttage des Neujahrsfestes v bezw. Versöhnungstages betend den Friedhof zu umkreisen. Der Friedhof, in dessen Erde die Asche so vieler Heiliger und Gerechter ruht — wird doch jede jüdische Gemeinschaft „heilige Gemeinde" (Kehillah kedoschah) genannt und finden sich doch in einer jeden jüdischen Gemeinschaft gekannte und „verborgene" Gerechte — vertritt hier gewissermaßen den heiligen Tempelberg, Angesichts der „furchtbaren Tage" soll das Umkreisen des Friedhofs unter inbrünstigem Beten dazu beitragen, daß die in dieser Erde schlummernden Gerechten sich im Himmel dafür einsetzen, daß das kommende Jahr ein glückliches sei, und daß die im vergangenen begangenen Sünden und Ver- - fehlungen vergeben und getilgt werden. (Glosse des Beer Heteb zu Schulchan Aruch Joreh Deah § 376 Absatz 4, SchLuH. Massechet Rosch ha Schanah u.a.) Wie einst jene Frau, die durch Beten und Umkreisung des Tempelberges ihren kranken Sohn vom Tode „ausgebeten" — wie es im Osten heißt — hat, wird auch heute noch im Fall einer Krankheit der „heilige Ort", wie der Friedhof zumeist im Osten benannt wird, unter inbrünstigem Beten umkreist. Die Umkreisung geschieht von der Innenseite des Friedhofs längs der Umsäumung in der Nähe der an der Peripherie sich befindenden Gräber.. Sehr oft wird während der Umkreisung zugleich auch das sog. „Bet- - Olam-Mesten", d. h. das Messen des Friedhofsumfanges mit Hilfe eines weißen . Fadens vorgenommen. Der Faden, mit dem der Umfang des Friedhofs gemessen wird, gilt als heilig und wird als Docht für die der Synagoge oder einem sonstigen Bethaus geweihten Kerzen, die den Betenden bezw. Torahlernenden ihr Licht spenden sollen, verwendet. Manche schenken überdies eine der Anzahl der Masseinheiten der Fadenlänge entsprechende Zahl kleinerer oder größerer Münzeinheiten, je nach den materiellen Verhältnissen des Kranken, an Arme. Als Einheit des Länge-