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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 751

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Vom Lebendigen
Date
1921-01-01
Page
751 (sequence 5)
Language
German
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Vom Lebendigen 751 Dämmert da nicht eine „Weltwissenschaft"? Und wenn wir bedenken, daß alle lebendigen Wesen (aber nur sie, die lebendigen!) einen vorbestimmten Rhythmus für ihr Funktionieren bei der Entstehung mitbekommen, spüren wir da nicht den Zusammenhang alles Lebens, dessen fehlende Kenntnis Moses Hess so bedauert?; Aber es gibt eine andere Beobachtungsreihe aus der Statistik, deren Andeutung, da sie schwieriger ist, ich mir ebenso hier versagen muß, wie die Klarlegung ihres Zusammenhangs mit den genealogischen und klinischen Beobachtungen, deren Existenz ich aber erwähnen will; denn sie führt in die biologische Oekonomie des Volkskörpers hinein. Vermehrung, Krankheit, Verminderung werden auch hier mit dem gleichen Maß unerbittlich verteilt. Starke Ahnungen sind es, die Hess hat, wenn er organische Gesetze reklamiert für das Leben des Volksorganismus und Reifen und Sterben einer solchen Gemeinschaft gleichlaufend denkt mit dem Geschehen im Einzelwesen. — Ist es nötig, nach der Andeutung einer neuen Wahrheit schon von der Münze ihres Nutzens zu sprechen? Wenn es einen neuen Begriff vom Lebendigen gibt (und die gesamte Lehre erschließt ihn mit zwingender Eindeutigkeit, das Zeitgesetz ist nur ein Teil seiner Voraussetzungen), so wird ihn nützen müssen, wer das Lebendige nützt. Und sei's das Lebendige nur in der eigenen Person. Oder als Vater, Lehrer, Erzieher. Oder als Arzt. Aber die Rechtsprechung, darf sie vorbeigehen? Und die „Freunde der Weisheit", werden sie dürfen? Hier ist der Punkt, wo eine Scheidung gemacht werden muß zwischen den. anderen und dem jüdischen Leser. Als die neuen Erkenntnisse, von denen wir eben gesprochen, vor einem Vierteljahr hundert dem Publikum unterbreitet wurden, da fanden sie keine Beachtung. Phantasmen, sagte die Mitwelt. Kann nicht sein. Hätten wir längst merken müssen. Dann kamen Einzelne, die etwas spürten, die getroffen wurden von einem Wort, welches sie lange gesucht, einer Beobachtung, deren Deutung sie fanden, und so entstand eine günstige Empfindung in den letzten Jahren, dunkles Gefühl von verborgenen Werten. Wirklich b e n u t z t für Gedanken und Werk seines Tages hat noch niemand die Funde. Aber mit diesem Verhalten erfüllen die Heutigen nur ihre historische Mission. Denn die Mitwelt hat die Aufgabe in der Geistesgeschichte, fundamentale Entdeckungen abzulehnen, und zu verspotten. Erst die nächste und übernächste Generation pflegt sie aufzugreifen und zu benutzen. Wie stehen diese Dinge bei uns? Ist Zionismus — in welche Gestalt immer die Geschichte ihn schmieden wird — überhaupt möglich mit der geistigen Sprödigkeit ruhender Völker? Wir verneinen es täglich. Und fordern Wandlungsbereitschäft einer vom andern. Schätzen als Vorteil, daß wir aufbauen dürfen, wo die andern erst einreißen müßten. Nun aber frage ich: Ist da nicht die Verpflichtung, eine neue Erkenntnis, die'Früchte trägt auf allen Gebieten, mitzupflanzen an den Anfang dort drüben?

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