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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 752

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Vom Lebendigen
Date
1921-01-01
Page
752 (sequence 6)
Language
German
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752 W11 h e I m Ro b e r t F 1 i e ß: Vom Lebendigen $ Darf einer Lehrer sein, der nichts weiß von der gesetzmäßigen Folge der guten und schlechten Tage bei seinen Zöglingen, der nicht ahnt, daß ein Kind heute unwohl ist mit der Mutter, und das aridere morgen aus seiner Begriffstutzigkeit aufwachen wird,: weil sein Großvater gestorben? Darf er immef noch glauben, fortlaufend speichere das Kinderköpfchen den „Lehrstoff" aus seinem Magistermunde? Darf er gut oder schlecht, begabt oder unbegabt sagen, ohne von männlich und weiblich zu wissen? Und ein jüdischer Arzt, der den Eingriff macht, ohne danach zu forschen, wie die „Sterne stehen" am Familienhimmel seines Patienten, wird vom Ausland später lernen müssen, man dürfe das nicht, die Periodizitätslehre sage, und tatsächlich habe sich gezeigt. . . Seines Vorsprunges hat er sich wohl damit begeben. Sämtliche Versuchsstätten, sämtliche Laboratorien könnten mit neuen Maßstäben beginnen, und die Welt würde zu uns eintreten, um von unserm Urteil zu lernen. Denn wo immer gearbeitet wird mit organisierter Materie, da ist allein mit der Kenntnis ihres zeitlichen Funktionierens zu beurteilen, was der äußere Einfluß leistet, was nicht. Vieles wird revidiert werden über die Erfolge von Heilverfahren, über die Wirksamkeit von Arzneimitteln. Manchen Erfolg, manchen Mißerfolg, werden wir in die Hände der Natur zurücklegen, ein neues Vertrauensverhältnis werden wir eingehen mit dem Walten dieser Hände, und es wird unser Nachteil nicht sein. Ein Zeitmaß ist für die lebendige Natur. Mensch, Tier und Pflanze zeigen durch ihr gleichartiges Funktionieren, daß ihre Substanz gleich ist. und das Bewußtsein von diesem einen einzigen, doppelgeschlechtigen Lebensstoff wird die Biologen anders einstellen zu dem Objekt ihrer Mikroskope* Der Philosoph aber soll sagen, was er schließen will aus der Gebundenheit an den Lebensstoff, dessen willenbestimmender Takt ihm bekannt wird, dessen Zweiheit aber mit ihren männlichen und weiblichen Impulsen auch sein eigenes Denken regiert. Hygiene und Volkskunde werden umlernen müssen. Sie werden abschwören den Methoden ihrer Erkenntnis, soweit diese irrig sind, und — wie Heß es ausdrückt — „jeden urkräftigen organischen Lebenstrieb durch einen anorganischen Mechanismus zu ertöten drohen". Kurz, es wird eine jede Disziplin ihre Reform selbständig verlangen. Aber wann, denkt ihr, wird das sein in jüdischen Landen? Wenn es in der übrigen Welt ist, nicht eher. Man wird Kunde erhalten vom Ausland, und wird hören, ein deutscher Forscher habe bereits vor Jahrzenten ... Und es wird flugs jemand kommen, der den Nachweis führt, jener Mann sei ein Jude gewesen. Heute kommt niemand. Und doch wäre es heute noch möglich, aus dieser biographischen Anmerkung V'olksgeschichte zu machen.

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