Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Vom Lebendigen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 750 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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750 Wilhelm Robert Fließ: denn, fragen wir, mit den anderen Daten? Da nämlich, wo das „unbewaffnete" Auge keinen Zusammenhang sieht. Denn die, Häufung der einfachen Fälle in jeder Familiengeschichte gibt uns den Glauben an ein umfassendes Gesetz. Nun, die analytische Methode, welche der Forscher geschaffen, bringt Gewißheit für diesen Glauben. Tatsächlich zeigt sicfi ein Zeitgesetz, das die Macht hat, alle Dissonanzen zu lösen, Zahlenakkorde zu schaffen mit genauer Struktur aus ganz wenigen Elementartönen. Perioden von 23 und 28 Tagen bilden die Elemente und bestimmen in gesetzmäßiger Zusammensetzung mit dem Jahr, jenem anderen Elementarmaße für die lebendigen Funktionen, den biologischen Termin auf die Stunde genau. Den Termin aller Lebensäußerungen. „Geburt und Tod, Wachstum und Niedergang, Krankheit und Genesung" werden „begrenzt und geregelt". Und die Geburt geistiger Produkte gehorcht diesen Gesetzen -nicht minder, wie das Entstehen geistiger Krankheiten. Bis in die feinsten Äußerungen läßt sich das einfach verfolgen. Dichter berichten über entscheidende Einfälle an den Jahrestagen ihrer vormaligen Geburt oder des nachmaligen Todes. Friedrich der Große wurde nicht körper-, nicht geisteskrank, als seine Lieblingsschwester gestorben, aber ihr Todestag fiel auf Hochkirch. Unbegreifliche Blindheit hatte der Bruder für den drohenden Daun, starrköpfig beschwor er, allen Warnungen zum Trotz, das Verhängnis. Einfache Elementarbeziehungen sind es, welche die schöpferischen Tagew Franz Schuberts untereinander und mit seinem Todestage verknüpfen. Wie die Zwangshandlungen eines Brandstifters erscheinen sie, für den Freispruch erwirkt wurde, durch den Nachweis ihrer strengen Periodizität. Denn den Schöffen ward bange vor der Unsterblichkeit unserer Willensbeschränkung. Mehr- und Minderleistung unterstehen demselben Zeitmaß wie Geburt und Tod, Krankheit und Entwicklung. Unabsehbar sind die gedanklichen Konsequenzen aus der Kenntnis dieser zeitlichen Gebundenheit. Man betrachte einmal die beiden Maßeinheiten: „Das Jahr ist eine astronomische Größe. Es umfaßt die Zeit, in der unser Erdball einmal um die Sonne läuft. Daneben gibt es noch eine andere astronomische Zeit, die der Achsendrehung der Erde, den Tag. Wir schlafen und wachen im Tagesrhytmus, unser Blutlauf, unsere Atmung, unsere Körperwärme und die zahlreichen Funktionen unseres Leibes lassen einen Zyklus erkennen, der in jedem Tage einmal umläuft/ Der Tageszyklus besteht also in unserem Körper neben dem Jahreszyklus. Neben, aber nicht gegen ihn. Vielmehr in einem geordneten Verhältnis zu ihm. — Im Grunde kanns ja garnicht anders sein. Wir sind Kinder der Erde und auf ihren Lauf gestimmt. Der bringt die Jahreszeiten hervor, bringt Wärme und Kälte, Regen und Trockenheit. Und mit dem Tag wechselt Licht und Finsternis. Ohne Licht aber kein Leben — selbst ins tiefste Meer dringen noch spärliche Strahlen. Und auch ununterbrochene Helle tötet. Den Polartag ertrüge kein lebendiges Wesen auf die Dauer. Aber wie immer: die Erde bewegt sich im Jahres- und Tagestakt. Und wenn das Jahr im lebendigen Ablauf sichtbar ist, so muß es auch der Tag sein."