Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Moses Hess
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 745 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Hess 745 nur aus einer religiös-ethischen Einstellung verständlich. Der Kampf gegen die Religion erschien ihm später als ein zeitgenössisches Mißverständnis, seit er sein „Damaskus" erlebte. Die Ritualmordgeschichte von Damaskus machte auch ihn zu einem Verteidiger der Volksehre. Die Reaktion auf Judenhaß und Judenelend war ein Judenaufstand im Geiste. In jenen Schreckenstagen wurde die Idee eines Judenstaats wieder lebendig, die gegenüber der Assimilation mit ihrer individuellen Befreiung die Volksbefreiung bedeutete. Noch Joseph Salvador und Montefiore hatten keinen Widerspruch gefunden zwischen ihrer Idee, ein jüdisches Zentrum in Palästina zu schaffen und. der Tatsache, selbst europäische Staatsbürger jüdischen Glaubens zu sein. Von Zionismus war noch keine Rede. Erst als die Judenfrage nicht mehr Gleichberechtigung im fremden Volk, sondern Gleichberechtigung als eigenes Volk bedeutete, wurde die Assimilation völlig verworfen. Die relative Judenbefreiung schien mit der Verleugnung des jüdischen Volkslebens zu teuer erkauft. Man sagte sich: gerade die Assimilation hat das jüdische Volk als Unterklasse erscheinen lassen, die mit Besserstellung im Wirtsvolk aufgeht; ja den Juden selbst hat sein Unterklassenbewußtsein Seite an Seite mit den Unterdrückten gestellt. Im Kommunisten steckt der jüdische Paria. Nicht einfach aus der Abwehr des Antisemitismus, sondern aus der Behauptung jüdischer Eigenart stammt Hessens „Rom und Jerusalem". Schon Salvador sagte: „Der Jude der neuen Zeit muß auf dem Boden des alten Judentums stehen". Nur im. eigenen Land kann sich die Regeneration des Judentums vollziehen. Als Romantik und Utopie erschien die Idee' des Judenstaats. Wenn Loew sagte, nicht patria naturae vel loci, sed civitatis et juris sei das Entscheidende, so sollte diese antizipierte civitas mehr als Staat, nämlich Heimat, Land der Verheißung und Erfüllung sein. Die Frage des Hegelianers Michelet: Kann ein Volk zweimal welthistorisch sein? wurde bejaht. Das Judentum als Geschichtsreligion behauptete die immerwährende Offenbarung. Die Mission des Judentums, um derentwillen es durch die Jahrtausende erhalten blieb, erschien noch nicht erfüllt; die Juden als ein Priestervolk vielmehr berufen, die heilige Verfassung in der zerfallenden Kulturwelt wieder aufzurichten. Ihr Zukunftsglaube, der auf einen Gesctiichtssabbat geht, lebte auf. Waren die Juden in der Zerstreuung eine historische Schicksalsgemeinschaft, die den Bund mit Gott durch Gesetzestreue erhielt, so sollten sie in der Erneuerung zur „Nation Gottes" werden. Das „portative Vaterland" der Glaubensverfassung genügte nicht mehr. Die Bibelreligion war ja nie etwas anderes als ein nationaler Geschichtskultus gewesen. Die Geschichte sollte wieder Gegenwart werden. Napoleons Gewaltherrschaft hatte die Ideen der Befreiungskämpfe des Nationalstaates gezeitigt. Metternich konnte die nationalen Regungen, die sich gegen das Habsburgische Regiment auflehnten, nicht völlig unterdrücken. So verband sich überall die nationale Bewegung der unterdrückten Völker mit der demokratischen Bewegung der unterdrückten Schichten. Lassalle erklärte bereits das Prinzip der unabhängigen Nationalitäten, als Basis der Heft 10 48