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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 744

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Moses Hess
Date
1921-01-01
Page
744 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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744 Gottfried Salpmon: schaft bewahrt. Der Auszug aus diesem Exil wurde zur völligen Diaspora, zur inneren Knechtschaft. Das Judentum wurde aus einer Glaubensgemeinschaft zu einem religiösen Verein, die Religion als eine bloße Privatsache zu einer unbedeutenden Differenz in der allgemeinen freien und gleichen bürgerlichen Gesellschaft. Napoleon hatte die religiöse Freiheit der jüdischen Kultgemeinde im Rheinlande anerkannt: aber das Staatsbürgertum blieb Dekret, die volle Einbürgerung setzte sich erst durch, als für isolierte Wirtschaftskörper im Staate kein Platz mehr war. Solange die bäuerlich-handwerkliche und ständische Wirtschafts- und Staatsverfassung bestand, blieben die Juden ausgeschlossen, vor allem in Preußen, wo der Aufstieg der bürgerlichindustriellen Gesellschaft gehemmt wurde. Die Reaktion unter Friedrich Wilhelm IV. bereitete gar ein neues Judengesetz vor. Die Juden sollten in der kunstvollen Gliederung der Stände und Korporationen eine eigene Körperschaft sein, nicht zugelassen zu den Aemtern und frei von der Militärpflicht: ein neues Ghetto ohne Mauern. Das Gesetz kam nicht durch. Die Führer der Juden waren in der Opposition mit den radikalen Bürgerlichen einig. „Der Staat preßte die ungleichsten Elemente Schulter an Schulter. Möchte dem Kaufmann die Lehrfreiheit, dem Industriellen die Zensurfreiheit, dem Gelehrten die Handels- und Parzellierungsfreiheit, und der gesamten Bevölkerung die jüdische Freiheit gleichgültig sein." Aber das Judengesetz wäre ein Schutz der historischen und kulturellen Eigenart gewesen. Das jüdische Bürgertum, das an dem ökonomischen Aufschwung teilnahm, strebte ins Freie; sein eigenes Judentum erschien ihm als Vergangenheit, seine Religion als Mythos und „Geschichte" und seine Nationalität wider die Vernunft. Der „Grenzbote" schrieb: „Die Judenangelegenheit ist einer jener Thermometer, an welchem der Fortschritt oder Rückschritt eines Staates zu erkennen ist." Nicht nur, daß in der Opposition, der Fortschrittspartei, Juden waren# denen für den Ständestaat, die sogenannten „naturwüchsig organischen" Bildungen das Verständnis abging, sondern daß eben dieser Fortschritt und diese Aufklärung mit der Loslösung vom Judentum und seiner ethnischkulturell-religiösen Eigenart die Einbürgerung der Juden brachte, war das Entscheidende. Die Europäisierung der Ghettoflüchtiinge hieß sie untertauchen in der nivellierten Masse der traditionslosen Großstädte. Der Emanzipationsprozeß, der Neuzeit heißt, war die Auflösung und der Abbau der historischen, religiös-kulturellen Ordnung. Der Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft, an dem der Jude im 19. Jahrhundert teilnahm, löste aus Gemeinschaft, Religion und Geschichte. Dieser im Zeichen des Kapitalismus stehenden Entwicklung und ihrer Ideologie der Aufklärung, des-Kosmopolitismus und Humanismus erwuchsen als Gegner Sozialismus und nationale Romantik oder Renaissance: die Sehnsucht nach der vor- oder nachbürgerlichen Ordnung, neuer Verwurzelung in Boden und Geschichte, betonter Eigenart als Gemeinschaft oder Nationalstaat. Moses Heß hatte die Religion bekämpft, und doch war sein Sozialismus

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