Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Moses Hess
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 743 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Hess 743 Als ob die bessere Theorie zu besseren Proletariern und Klassenkämpfern mache, ging die Inquisition vor. Mit dem Kirchenbann belegt ward Weitling wegen seiner „Liebessabelei", Grün als kleinbürgerlicher Reaktionär; dann kam Heß auf die Proskriptionsliste. Dieser litt sehr unter dem Unrecht und der Unduldsamkeit der Clique, sein versönliches Naturell versuchte dauernd zu vermitteln; da er die Wendung zur Oekonomik mitmachte, beließ man ihn vorläufig auf seinem Posten. Er war Vorsitzender des „Deutschen Arbeiterbildungsvereins", der 1847 in Brüssel zustande kam. Unter den Mitgliedern der „Demokratischen Gesellschaft für die Vereinigung aller Völker" wird er neben Marx genannt. In der deutschen Brüsseler Zeitung, die Marx zu seinem Organ machte, war er ständiger Mitarbeiter. Mit der Technik eines Schmierenstücks arbeitete man gegen ihn durch Intrigen, Flugblätter und Klatsch. Marx bewährte sein „Desorganisationstalent" und entfernte auch Heß schließlich. Dieser stand dann dem „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein" nahe, dem Marx in Unkenntnis der heimischen Verhältnisse fern blieb. Mit Lassalle verband ihn der Glaube an die Nation als autonomen Träger der Kulturwerte und notwendiges Glied der Menschheit. Einig war er mit ihm in der Frage der politischen Befreiung der Arbeiterschaft, der staatlichen Kreditierung von Arbeiterproduktivgenossenschaften u. a. m. Von hier zum jüdischen Nationalismus war nur ein Schritt. IL Eine Assimilationswelle ging von Westen nach Osten. Im Osten landete sie erst, als bereits das Nationalitätsprinzip politische und kulturelle Kämpfe bestimmte; hier, bestand eine historisch-kulturelle Verbundenheit, die der Auflösung wiederstand; die Assimilation versteifte gerade den Nationalismus und eine Rejudaisierungswelle brandete zurück. Eine Assimilationswelle ging von unten nach oben. Die zu Besitz und Bildung gelangten Schichten gaben ihre Eigentümlichkeit auf, das historische Sondersein zugunsten eines rationalen Gleichseins. Wie das Bürgertum überhaupt gegen die historischen Mächte der oberen Stände die Ideen, der Aufklärung, der Kritik, des Nivellements, des Kosmopolitismus gebrauchte, so auch das jüdische Bürgertum, das sich zugleich gegen seine eigenen historischen Formen und nationale Eigenheit wandte. Entpartikularisierung und Enthistorisierung aber war für den Juden Assimilation, die Anpassung an die allgemeinen europäischen Verhältnisse. Der Kulturjude ward Europäer, wie dieser in seiner bürgerlichen Schicht Aufklärer und Kosmopolit; die Religion verlor ihre Heiligkeit und ethische Bedeutsamkeit, ^Kultus und Ritus traten zurück. So wurde die Assimilation für ein Volk, dessen Nationalität auf seiner Religiosität fußt, zur Emanzipation des Juden vom Judentum. Der Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft geschah mit der Teilnahme an Besitz und Bildung, aus der politischen, rechtlich-ökonomischen Anerkennung ward die Einordnung in den allgemeinen Staat. Vor allem die Bildung hat den Auszug aus dem Judentum verschuldet. Die Exterritorialität und Exklusivität im Ghetto hatten das Judentum vor der äußeren Knecht-