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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 742

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
Moses Hess
Date
1921-01-01
Page
742 (sequence 4)
Language
German
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74* Gottfried Salomon: wart. Der Verleger Bädecker, der geglaubt hatte, daß es sich nur um die geistige Hebung der Unterklasse handeln sollte, sah zu seinem Schrecken, daß es, weitab von allem Liberalismus, um ökonomische Hebung und politische Erhebung des Proletariats ging. Heß schrieb gegen den „verfassungslüsternen, nationalitätsschwärmenden, " schutzzollgierigen, radikalisierenden Bürger", dessen Programm die geistige Hebung zur besseren industriellen Nutzbarkeit des Proletariats war. Der Kampf gegen Bourgeoisie und Kapitalismus, freie Konkurrenz und Herrschaft des Privateigentums begann in solchen Winkelblättchen, welche die Polizei unterdrückte. Wie all die andern vom Liberalismus zum Sozialismus gekommenen Revolutionäre der vierziger Jahre ging Heß nach Paris. "Gehörte er am Rhein zu den ersten, die den Vorkampf für das Proletariat führten, so knüpfte er hier zuerst die Verbindung von Intellektuellen und Paupers. Er gab für die Pariser Gemeinde emigrierter Handwerker ein kommunistisches Glaubensbekenntnis; Marx und Engels brachten allerdings diesen Entwurf zu Fall. Der „wahre Sozialismus", Hessens „Philosophie der Tat", sagten sie, diene nur den Regierungen, Pfaffen, Schulmeistern, Krautjunkern und Bureauksaten als Vogelscheuche gegen die drohend aufstrebende Bourgeoisie. Sie wollten die „Straubinger" in die Hand bekommen. Obwohl sie selbst einen „philo- \ sophischen Sozialismus" vertreten hatten, als praktisch mögliche Befreiung die durch Theorie erklärten- und wie Heß ihren „philosophischen Unsinn hinter das französische Original" schrieben, — warfen sie es Heß vor. Ohne Selbstkritik wandten sie sich gegen den „zurückgebliebenen" Freund, der noch vom Menschen statt vom Proleten sprach und „statt den Klassenkampf vorwärtszutreiben die Wirklichkeit in philosophischem Dunste erstickte". Von Marx trennte Heß dessen gewalttätige Kraft, die Überzeugungen organisierte. Man muß dem üblichen Parteiklischee das Bild entgegenhalten, das Bakunin von dem Treiben der sozialen Revolutionäre im Exil entwarf: „Eitelkeit, Gehässigkeit, Klatscherei, theoretischer Hochmut und praktische Kleinmütigkeit, Reflektieren auf Tun, Leben und Einfachheit und gänzliche Abwesenheit von Leben, Tun und Einfachheit, — diskutierende Handwerker und ekliges Liebäugeln mit ihnen — das Wort Bourgeois ist zu einem bis zum Überdruß wiederholten Stichwort geworden, — dabei sind alle selbst aber vom Kopf bis zu den Füßen durch und durch kleinstädtische Bourgeois." So sagte ein russischer Aristokrat-Bohemien, der in dem Konventikelwesen um Marx nichts anders als einen bürgerlich-wissenschaftlichen Diskutierklub sah. Doch vollzog sich in diesem ein Klärungsprozeß des Radikalismus. Marx warf sich zum Richter über den philosophisch-ethischen Sozialismus auf, er setzte seine Theorie als Dogma durch und warf die Widerspenstigen als Ketzer aus dem Tempel. Welchen Sinn hatte es, wenn doch erst die fortschreitende kapitalistische Entwicklung abzuwarten war, wenn das Bewußtsein der Klasse als geschichtstreibende Kraft die Entstehung dieser Klasse voraussetzte, diejenigen zu verdammen, welche an die Idee glaubten, da die geistige Entwicklung den realen Verhältnissen weit vorangeschritten war?

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