Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Moses Hess
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 741 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Hess 741 lution lebendig. Im Land der Kohle und der Erze war die neue Gesellschaft schon heraufgestiegen und ihre Spaltung in Klassen hervorgetreten, während man im Osten den Staat noch als „sittlichen Verein" der Stände und Korporationen erklären konnte. Trotz alles Widerstreits gegen die Beschränktheit der Stände und Anmaßlichkeit der Beamten übersah man am Rhein jedoch nicht, daß Preußen Vormacht des nationalen Gedankens war. Die Flitterwochen des Königs mit der Nation waren schnell vorbei; die Nation suchte von der königlichen Romantik abzusehen, diese Nation, die, wie im Frankreich des 18. Jahrhunderts, das gebildete und besitzende Bürgertum war. Noch trennten 38 Grenzpfähle das deutsche Land, und an jedem Pfahl stand die* Reaktion Wache. Von unten, aus der Opposition, sollte der Reichsgedanke des deutschen Staates kommen. Wie das französische Bürgertum den zentralistischen Absolutismus stützte im Interesse der Einheitsbildung, so setzte das deutsche Bürgertum den Einheitsstaat Deutschland gegen seine Regierung durch. Die Radikalen hofften eine Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft unter dem Schutze des absoluten Regimes. Aber das Königtum blieb der Feudalität verbunden. So entstand der eigentümlich preußische Zustand eines feudalen Staatsoberbaus über einer im Zeichen der Industrie entwickelten und gespaltenen bürgerlichen Gesellschaft. Hess sagt^ 1842 von Preußen, es sei eine Mischung „von Grabmälern und Gesangsfesten, mittelalterlichen Ruinen und modernem Gewerbefleiß, Religion und Schutzzoll, Freiheit und Baumwolle, Eisenbahnen und Rüben". Der aufkommende Industriekapitalismus ward romantisch verbrämt, erst die zunehmende Proletarisierung enthüllte die Lüge des anachronistischen Scheins. Von den fortgeschritteneren Verhältnissen Frankreichs lernten Heß wie Stein die Bedeutung der Klassenbildung. Anfangs war das Unterklassenbewußtsein als Bewußtsein menschlicher Würde maskiert, erschien der ökonomisch-politische Anspruch als sittliche Forderung. Aus der Philantropie, die den Proleten tröstet, ward bald das Revolutionärentum des Intellektuellen, das seine Sendung prophezeit und seine Erhebung vorbereitet. Feuerbachs Kommunismus hatte halbtheologischen Charakter, wie die deutsche Aufklärung überhaupt aufgeklärte Theologie war. Der Mensch dieser Ethik war ein metaphysisch-abstraktes Gebilde, noch nicht das historisch-konkrete Gesellschaftswesen der kommenden Ökonomik. „Das zeit- und knochenlose Ich, dieser Golem, den er nicht lebendig machen konnte, hatte keine Reibungsflächen mit der Wirklichkeit. Er geisterte vor seinem Auge", sagt Zlocisti von Feuerbach. Heß ging einen Schritt weiter wie Feuerbach, er praktizierte diese Ethik und stieß dabei auf die ökonomischen Widerstände; so erklärte er, nur die soziale Revolution könnte die Zustände ändern, welche die politische Revolution im Erfolg der Aufklärung, des Naturrechts und der Humanität gerade gefördert hatte. Mit Engels zusammen gab er im Rheinland eine Monatsschrift heraus: „Der Gesellschaftspiegel", Organ zur Vertretung der besitzlosen Klassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände der Gegen-