Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Moses Hess
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 740 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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740 Gottfried Salomon: ' dingungesn der Klassenentstehung und des Klassenkampfes auch für Deutschland vorausgesagt. Stein blieb Sozialreformer, der, wie St. Simon, von einem sozialen Königtum, also von oben, die Hebung der Unterklasse erhoffte. Die Erhebung von unten, die soziale Revolution, nicht aus theoretischer Einsicht, sondern aus ethischer Entscheidung wurde von Hess verlangt. Der Kommunismus konnte ja anfangs nicht als Protest der arbeitenden Klasse gelehrt werden, er war das Manifest des „sittlichen Menschen". Erst über den Menschen ist der Weg zum Proletarier gegangen. Dieser Mensch trat in den Mittelpunkt bei Feuerbach, in dem der Kommunismus wieder aufsteht. Theologie wird Anthropologie, Humanismus wird Sozialismus. Der Kommunist ist der „Gemeinmensch". Man kann diese Wendung des Geistes nur aus der Zeit verstehen. In den 30 er Jahren setzte eine geistige Revolution in Deutschland ein: „das Alexanderreich des Gedankens", Hegels System, zerfiel in den Kämpfen der Diadochen; es wurde von oben nach unten abgebaut. Die Spitze fiel zuerst in dem theologischen" Streit, der von politischer Tragweite war, da der preußische Minister Altenstein in Hegel die Stütze, des hohen^ zollernschen Absolutismus und der protestantischen Orthodoxie sah. Das System Hegels hatte in der Dialektik, dem Entwicklungsgedanken, eine revolutionäre Perspektive eröffnet. Die Dialektik brauchte nur auf das v£ System selbst angewandt zu werden, und die Negation der Hegeischen Position war Umsturz, zumal in dieser Generation die Philosophie zur Praxis drängte; die Philosophie der Geschichte wurde „Philosophie der Tat" für Hess, der sagte: „Wie das Leben mehr als Philosophie, so ist die absolute Geistestat mehr als die absolute Geistesphilosophie". Aber dieser Uebersetzung des Denkens in das Tun stand die politische Apathie und ökonomische Stagnation des Bürgertums im Wege. Die geistige Produktion war auf philosophisch-spekulative und belletristische Werke beschränkt; sie wurde rezipiert von einer kleinen unpolitischen Besitz- und Bildungsoberschicht. Darum ging das „junge Deutschland" daran, Geist in das „Volk" zu tragen, die Spekulation zu politisieren und an Stelle der schönen Literatur den Journalismus zu setzen, der durch Pamphlet und Manifest aus dem „Volksgeist" eine öffentliche Meinung mit der Heraufkunft des Sozialismus bilden sollte. Entsprechend der stärkeren Beschäftigung der fortgeschrittenen industriellen Klassen mit Fragen des öffentlichen Lebens gewann der Radikalismus zuerst am Rhein und in Süddeutschland unter Ein- und Nachwirkung der französischen Revolution weitere Wirkung. In Berlin dachte freier nur der Stammtisch, wo die unklare Radikalität von Buhl, Meyen, Nauwerck und Koppen sich austobte: ein bloß theoretischer Aufstand gegen Romantik und Pietismus, die Stützen von Friedrich Wilhelms IV. phantastischer Restauration. Der gotische Bau eines christlichen und ständischen Staates ward am Rhein durch den scharfen Wind, der aus den Fabriken bließ, wie ein Kartenhaus umgeweht. Hier hatte der code Napoleon die Entlastung von dem Zehnten, die Rechtsgleichheit der Bürger, die Geschworenengerichte usw. gebracht, hier blieben die Ideen der französischen Revo-