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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 721

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
England im Nahen Osten
Date
1921-01-01
Page
721 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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England im Nahen Osten 721 werden. Unter der Voraussetzung der Aufrechterhaltung dieses Prinzips ist jede wie auch immer geartete Entscheidung über die Offenhaltung des Bosporus für den Handel und Weltverkehr, die von uns gemeinsam und den anderen Regierungen erreicht wird, zulässig." Noch im August dieses Jahres machten die Türken einen letzten Versuch, den Frieden ohne Blutvergießen herbeizuführen. Am 4. August kam Fethi Bey als Abgesandter seiner Regierung nach London. Er bot namens Angoras die völlige Demilitarisierung und Neutralisierung von vier Zonen auf beiden Seiten der beiden Meerengen an und die Verpflichtung, daß keinerlei bewaffnete Macht, die türkische mit eingeschlossen, sie betreten solle. Der Völkerbund sollte volles Kontrollrecht besitzen. Diese Garantien, die Angora freiwillig bot, gingen weiter, als die offen zugestandenen Wünsche der Westmächte. Fethi Bey wurde aber nicht empfangen, sein Angebot dem englischen Publikum völlig verschwiegen, eine Lügenpreßkampagne setzte ein und eine Woche vor Beginn der entscheidenden türkischen Offensive am 26. August verließ Fethi Bey unverrichteter Dinge England. Seine übrigen Forderungen—lauteten: Kleinasien, Ostthrazien und Adrianopel, genau das, was die Alliierten anderthalb Monate später in ihrer Pariser Note zugestanden haben. Der türkische Sieg kam dem englischen Ministerium völlig unerwartet. War es die innerpolitische Lage, die Lloyd George .dazu trieb, konsequent einen Standpunkt zu vertreten, der zum Kriege mit der Türkei treiben sollte? Hoffte er, der spürte, daß durch Auflösung der Koalition und gleichzeitige heftige Opposition der Konservativen, Liberalen und Sozialisten der Boden unterT seinen Füßen schwand, noch einmal als der „Mann, der den Krieg gewann" chauvinistische „Khakiwahlen" durchführen zu können, wie Dezember 1918? Hoffte er durch den Burgfrieden, den ein auswärtiger Krieg in weiten Kreisen mit sich führen mußte, der inneren Lage Herr zu werden? Die Vorwände, die dieser kluge, sein Publikum kennende Politiker und glänzende Redner gebrauchte, waren fadenscheinig. Er wollte „den Krieg nicht nach Europa lassen", nachdem er ihn nach Asien hineingetragen hatte. Er peitschte die religiösen Gefühle der Christenheit auf, predigte Kreuzzug, strömte über von Beleidigungen gegen die Türken: aber man muß zugeben, daß während der Islam tatsächlich noch eine große leben wirkende und -tragende geistige Macht im Dasein vorderasiatischer Völker ist, die an sich wohl erhabeneren Lehren der Bergpredigt nicht den geringsten Einfluß auf das Leben der Griechen, Serben und Bulgaren ausüben, um von anderen „christlichen" Staatsmännern und Regierungen nicht zu reden. Lloyd George , 1 weinte über die Grausamkeiten und Metzeleien der Türken, die zu jeder Regierung über andere Rassen ungeeignet seien. 1 Unzweifelhaft hatte er recht; aber er vergaß, daß die christlichen Balkanvölker ebenso grausam gewütet hatten und wüten, vergaß, daß im ganzen und großen die osmanische Herrschaft für die fremden Rassen oft toleranter und erträglicher gewesen war, vergaß, daß er und die anderen Westmächte alle Versprechungen den Armeniern gegenüber gebrochen und sie den Türken ausgeliefert hatten, ver-

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