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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 722

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
England im Nahen Osten
Date
1921-01-01
Page
722 (sequence 10)
Language
German
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723 H ans Kohn: England im Nahen Osten gaß endlich, daß er und seine Regierung für die Black and Taus in Irland, für Amritsar, für die ägyptischen Metzeleien verantwortlich sind und daß es manche Inder, Ägypter und Iren geben mag, die glauben dürften, England sei zur Beherrschung fremder Rassen ungeeignet Lloyd George zeigte die „starke Hahd" undtat alles, um den Krieg herbeizuführen. Wäre es ihm gelungen, hätte er recht behalten und wäre als Sieger gefeiert worden; das britische Prestige wäre gestiegen, Tausende Arbeitslose wären Soldaten geworden, Industrie und Handel hätten einen (künstlichen und vorübergehenden) Aufschwung erlebt. Kam kein Krieg, hatte er durch seine Entschlossenheit ihn verhindert. In den Manifesten und Preßberichten, die seit dem 16. September, dem Tage des berüchtigten „Call to arms" -Downing Street Nr. 10 verließen, herrschte der kriegerischste Ton, der Krieg war „unvermeidlich", die übelste Phraseologie von 1914, geheiligte Gräber, unveräußerliche Rechte, nationale Ehre. Es war ein erschreckender Anblick. Wie 1914 sollte alles telegraphisch gehen, damit ja keine Zeit zur Besinnung bleibe, damit ja Mißverständnisse entstehen, das Kabinett, das sich der Arbeitslosigkeit oder der entsetzlichen Verelendung des englischen Proletariats halber kaum einmal versammelt hatte, saß ganze Nächte lang, das Parlament wurde nicht einberufen, der Völkerbund ostensiv ausgeschaltet. Am 29. September erging ein bisher nicht veröffentlichtes Telegramm an General Harrington, das im Grunde dem Auftrag gleichkam, ein Ultimatum an die Türken zu stellen. Es ist nur der Haltung eines großen Teils der englischen Presse (mit Ausnahme der Organe Lloyd Georges selbst verurteilte die englische öffentliche Meinung sein Vorgehen), es ist Lord Curzon und Poincare, es ist General Harrington zu verdanken, daß der Friede erhalten blieb. Die Türken werden alles das erhalten, was ihnen die englische Regierung mit Hilfe der Griechen verwehren wollte, in ganz Vorderasieh wird dies als ein Sieg der Osmanen, die wiederum die mohammedanische Vormacht geworden sind, über Großbritannien aufgefaßt, Frankreich hat sich die Freundschaft der Türken und den Besitz wertvoller Konzessionen gesichert, Rußland ist im Verfolg seiner asiatischen Politik heute England gegenüber stärker als je. Die englische Politik der letzten Jahre im Nahen Osten hat sich als ein Fehlschlag erwiesen. Lloyd Georges Regierung ist zum großen Teil als Folge ihrer Orientpolitik gefallen. Ist es wahr, daß Großbritannien eine zivilisatorische und erzieherische Mission unter den nicht europäischen Rassen hat, so muß diese in einem völlig anderen Geiste aufgenommen und von anderen Motiven geleitet sein. Es ist zu befürchten, daß auch die neue englische Regierung diese Änderung in Absicht, Geist und Methode nicht verkörpern wird.

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