Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- England im Nahen Osten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 720 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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720 Hans Kohn: (gegen die oft und scharf ausgesprochene Warnung kenntnisreicher englischer Politiker aller, der konservativen, liberalen und sozialistischen Parteien) betriebene Politik im Nahen Osten durch den Sieg der Türken über die Griechen. Im Jänner 1918 hatte Lloyd George öffentlich erklärt, die Türken sollten Konstantinopel, Thrazien und Adrianopel und natürlich uneingeschränkt Kleinasien besitzen. Der Vertrag von Sevres änderte das radikal. Thrazien, Adrianopel und wichtige Teile Kleinasiens sollten den Türken genommen, Konstantinopel in eine Art Vasallenstadt verwandelt werden. Die türkische Regierung zu Angora widersetzte sich dem Frieden von Sevres, der praktisch der stärksten europäischen Seemacht die Herrschaft über das Schwarze Meer und seine Zugänge gegeben hätte. Die griechische Armee wurde von England lausersehen, den Widerstand der Türken zu brechen. Die Friedensvermittlungsversuche der Alliierten, darunter das Pariser Abkommen vom 26. März d. J., wonach die Türken Ostthrazien mit Auschluß Adrianopels erhalten sollten und Smyrna internationalisiert werden sollte, wurden von den Griechen nicht angenommen. Das Vertrauen Lloyd Georges in seiner Türkenfeindlichkeit zu den Griechen war völlig blind. Noch im August dieses Jahres in seiner Rede vor der Vertagung des Unterhauses erklärte der englische Premier seine feste Überzeugung von dem bevorstehenden entscheidenden Sieg der Griechen. Drei Wochen später begann die völlige Zertrümmerung des griechischen Heeres. Und nun entschloß sich Lloyd George in einer panischen Stimmung über den Zusammenbruch seiner und Churchills bisheriger Orientpolitik zu dem unglücklichsten Schritte, den er finden konnte, der sein und seines Landes Prestige im Orient endgültig erschütterte, in Europa eine völlige Isolierung Englands herbeiführte und im eigenen Lande das Ende seines Ministeriums einleitete. Er und Churchill taten alles, um es zum Kriege mit der Türkei kommen zu lassen. Sie benutzten dazu alle möglichen Vorwände, vor allem die Freiheit der Meeresstraßen. Was bedeutete dies Schlagwort? Für die Handelsschiffe waren die Dardanellen im Frieden immer völlig frei gewesen, für Kriegsschiffe sperrte die jeweils herrschende Macht natürlich in Kriegszeiten die Straße. Was England im Sinn hatte, war praktisch die Macht, im Kriegsfalle die Dardanellen zu beherrschen, nicht also eine Forderung, darauf gerichtet, den Frieden zu erhalten, sondern darauf, künftige Kriege im Nahen Osten für sich zu entscheiden. Die einzige richtige Lösung, falls es sich wirklich um die Erhaltung des Friedens handelte, wäre die freie Durchfahrt für alle Handelsschiffe und die Sperrung für alle Kriegsschiffe ohne jede Ausnahme, wie es die Sowjetregierung in ihrer Note vorgeschlagen hatte. Mit irgend welchen Maßnahmen zur Überwachung und Kontrollierung der Meerengen waren die Türken von jeher völlig einverstanden, Artikel 4 des Nationalen Bundesvertrags von Angora, Jänner 1920, lautete: „Die Sicherheit Konstantinopels, das der Sitz des Kalifats des Islams, die Hauptstadt des Sultanats und der Sitz der ottomanischen Regierung ist, und 4ie Sicherheit des Marmarameers müssen vor jeder Gefahr geschützt