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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 719

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
England im Nahen Osten
Date
1921-01-01
Page
719 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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England im Nahen Osten 719 Die antitürkische Politik der englischen Regierung hat ganz Indien gegen England geeinigt Sie hat nur zwei Mächten Vorteil gebracht: Frankreich und Rußland. Durch seine turkophile Politik hat Frankreich trotz .„ vieler Fehler in Syrien und Tunis sich die mohammedanische Sympathien erworben und in seinen Besitzungen verhältnismäßig die Ruhe erhalten. Höchst charakteristisch ist dafür ein Brief Sir Aga Khans, des Führers der indischen Mohammedaner, der unzweifelhaft einer der entschiedensten britischen Loyalisten ist, in der Times vom 10. Oktober d. J.: „Ich vermag nicht auszudrücken, wie groß die Erregung der Mohammedaner sein wird ... (englische Staatsmänner) so vollständig die Psychologie der Mohammedaner mißverstehen zu sehen. Die Franzosen und Italiener verliessen Tschanak ohne jede Einbuße an Prestige unter den Mohammedanern. Frankreichs Prestige in der islamischen Welt stand niemals höher als heute. In all meinem Leben habe ich keine westliche Macht gekannt, die unter den Mohammedanern so geehrt worden wäre, wie es nun mit Frankreich der Fall ist." Der andere gewinnende Gegner Großbritanniens ist Rußland, das nur mit intelligenteren und weitergehenden Mitteln die alte asiatische Politik des Wolgareiches fortsetzt. „Die Russen haben durch Erfahrung gelernt und passen ihre Methoden den Bedingungen der Umwelt an. Sie sehen ein, daß der Islam kein günstiger Boden für ihre Theorien ist und daß ihre beste Möglichkeit England zu schädigen darin liegt, als die Freunde des Islams im Gegensatz zu Großbritannien aufzutreten." (Times 13. Okt. 1922.) Das Bündnis der Sowjetregierung mit der Türkei, mit Persien (wo sie durch eine schenkungsweise Übergabe sämtlicher Konzessionen und Schöpfungen der Zarenzeit an die persische Regierung allgemeine Sympathien erworben hat) und Afghanistan hat dem englischen Reich in Mesopotamien und Indien gefährlichere Gegnerschaft erzeugt als je zuvor.*) Zwischen Persien und Rußland ist in diesen Tagen ein Bündnis geschlossen worden, wobei Persien sich verpflichtet, im Fall eines englisch-russischen Krieges dem Sowjetheer den Durchzug nach Mesopotamien zu gestatten. Der persische Generalstabschef Ismail Khan weilte zur Entscheidung technischer Fragen in Moskau (Times 13. Okt. 1922). Als die Kriegsgefahr zwischen der Türkei und England Thrazien betreffend akut war, sollen Persien und Afghanistan der Angoraregierung ihre militärische Unterstützung zur Eroberung Thraziens angeboten haben (Times 12. Oktober 1922). Damit sind auch von dieser Seite die Voraussetzungen vernichtet, die in Verbindung mit dem-Friedensvertrag von Sevres die Grundlagen des englischen vorderasiatischen Imperiums bilden sollten.**) Den endgültigen Stoß aber erhielt die von England in den letzten vier Jahren *) Die Anglo Persian Oil Company, an der die britische Regierung hervorragend beteiligt ist, besitzt die Konzession für die wertvollen persischen Petroleumfelder, die jetzt durch Rußland ebenfalls gefährdet sind. **) Als eine Paralelle dazu sei verzeichnet, daß eine französisch-russische Verständigung auf Kosten Englands heute eine immlnente Wahrscheinlichkeit ist, während noch vor sechs Monaten die Lage völlig umgekehrt zu Englands Gunsten'schien.

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