Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- England im Nahen Osten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 718 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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7i8 Hans Kohn: Nicht anders war die Wirkung der englischen Politik im Nahen Osten auf Indien. Es muß hervorgehoben werden, daß fast sämtliche englische Politiker und Beamte in Indien die Regierung wiederholt gewarnt haben. Der Staatssekretär für Indien, Mr. Montagu, hat aus diesem Grunde seinen Posten verlassen, und er hatte die Genugtuung, in einem Briefe an die Times vom 18. Oktober 1923 feststellen zu können, wie richtig er die Ereignisse vorhergesehen hatte. Als im Jahre 1885 der Indian National Congreß gegründet wurde, war er eine ausschließliche Hindu-Angelegenheit, der sich alle Mohammedaner ferne hielten. Als 1906 nach dem Siege Japans über Rußland die Bewegung in einen gemäßigten und einen extremen Flügel (unter Tilak) sich spaltete, wurde mit Hilfe der englischen Regierung die All India Muslim League gegründet, ein extrem loyales Gegengewicht gegen die Swaraj- und Swadeshi-Propaganda. Die Haltung Englands im tripolitanischen und Balkankrieg schwächte 1913 die Loyalität der Mohammedaner Indiens. 1916 erfolgte die Vereinigung der Mohammedaner und der Hindu und ihrer Organisationen. Seither fühlt sich die britische Regierung in Indien auf einem Vulkan. Die grausamen Repressalien des Rowlatt Acts von März 1918 sind der Ausdruck der Unsicherheit. Die englische Regierung wird heftig kiitisiert und ihrer Behauptung, der Richtiges anhaftet, ihre Verwaltung^fördere die politische Erziehung des Landes und verhüte ein Chaos interner Kriege, die ebenso richtige entgegengestellt, die englische Verwaltung habe den sozialen Zustand des indischen Arbeiters und Proletariers nicht zu bessern, seinen Lebensstandard nicht zu erhöhen gewußt. Die intensive Einführung des modernen Kapitalismus und die trostlose Handelslage nach dem Weltkrieg haben die Lage verschlechtert. Nach dem Factory Act von 1911 beträgt die tägliche Arbeitszeit der Männer 12, der Frauen 11 Stunden mit nur 30 Minuten Pause für das Mittagessen. Der Lohn der ca. 30000000 Landarbeiter beträgt 4 bis 6 Pfund jährlich, der Heimweber verdient 2x/2 Pfund jährlich. Diese trostlose Lage hat zu einer an Stärke gewinnenden Arbeiterunrast geführt. Durch religiöse Momente vertieft, verspricht sie gefährlichen Umfang zu gewinnen.*) hatte Mr. Churchill, wie ich informiert wurde, in Gesprächen selbst mit ägyptischen Ministern kaum mit seiner Verachtung für den Bericht der Milner-Kommission oder mit seiner eigenen sehr abweichenden Ansicht zurückhalten, daß Aegypten in jeder Beziehung als Teil und Parzelle des britischen Reiches und als ein großer britischer Waffenstapelplatz behandelt werden müsse." *) Der erste Kongreß der All Indla Trade Unions fand 1921 unter dem Vorsitze Lajpat Rajs, eines bürgerlichen Nationallsten zentristischer Richtung statt. Dem 2. Kongreß 1922 präsidierte bereits ein Arbeiterführer Joseph Baptista. Es waren 97 Gewerkschaftsverbände mit 1 500 000 Mitgliedern vertreten. Bedenkt man, daß die ganze Bewegung erst 1918 in Madras Sureh B. P. Wadia ins Leben gerufen wurde, so ist das wohl als ein schnelles Wachstum zu bezeichnen. Als Beispiel der Unrast sei angeführt, daß im Bengal in den 9 Monaten von Juli 1920 bis März 192a 137 Streiks vorkamen, an denen 244 180 Arbeiter beteiligt waren. In Bombay allein waren in den drei Monaten April bis Juni I921 33 Streiks, die 240 000 Arbeiter betrafen.