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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 12 · p. 717

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 12
Article
England im Nahen Osten
Date
1921-01-01
Page
717 (sequence 5)
Language
German
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England im Nahen Osten 717 verhandelte Lord Milner, einer der erfahrensten englischen Kolonialpolitiker, mit Zaghlul. Er untersuchte die Lage in Aegypten selbst. Er und Lord Cromer kamen zu den gleichen Ergebnissen, die dem britischen Ministerium vorgelegt wurden. Sie stimmten mit den Wünschen der Aegypter völlig überein. Ein Handeln auf dieser Linie hätte eine friedliche, vom Panislamismus unbeeinflußte Entwicklung gesichert. Da übernahm Churchill an Lord Milners Stelle das Colonial Office. Die Schlußfolgerungen des offiziellen Berichtes des letzteren wurden mißachtet, Churchill versuchte in Adly Pascha einen gefügigeren Unterhändler zu finden. Aber Adly wußte, daß er nicht nachgeben dürfe. Die Unterhandlungen scheiterten. Im Dezember 1921 erklärte dies Allenby in einem drohenden Schreiben an den Sultan; mit Gewalt sollte das ägyptische Volk niedergedrückt werden. Allenby. mußte bald einsehen, daß dies selbst auf Kosten beständigen Blutbades undurchführbar ist; Zaghlul und seine Freunde wurden auf die einsamen und ungesunden Seychellen-Inseln deportiert (Zaghlul ist ein 74jähriger, kränklicher Mann). In einem türkisch-tripolitanischen Pascha Sarwat hatte man endlich einen Minister gefunden. Aber das ganze Volk wandte sich gegen England. Allenby, der Krieger, erwies sich (wie später Harrington) als menschlicher, klüger und friedliebender als Lloyd George und Churchill; er drang in die englische Regierung, die Unabhängigkeit Aegypten zuzugestehen, konnte es aber erst durchsetzen, als er persönlich nach England kam und seine Demission erklärte; am 28. Februar 1922 wurde die Unabhängigkeit Aegyptens erklärt. Aber die Lage wurde nicht besser; das engliche Kriegsrecht herrschte im Lande; Zaghlul, dessen Namen jeder Fellache bei der Arbeit preist, wurde nicht in Freiheit gesetzt und von den Engländern zum Märtyrer gemacht. Die Führer der nationalen Organisation, des Wafd, wurden vom englischen Kriegsgericht wegen Beleidigung des ägyptischen Ministeriums zum Tode verurteilt und zu sieben Jahren Zwangsarbeit begnadigt (!). Die Lage in Aegypten ist völlig verworren. Auf jeden Fall aber ist es eine Beute des entschiedensten Panislamismus geworden, weit entfernt von dem auf Aegypten beschränkten, europäerfreuridlichen Nationalismus Zaghluls. Statt eines Bundesgenossen mit einem evolutionären gemäßigten Nationalismus hat die englische Politik aus Aegypten einen Eckstein in der ihm feindlichen Koalition mohammedanischer Völker gemacht und in jedem Fellachen einen erbitterten extremen Fanatismus erzeugt, *) *) Im Milner-Berlcht hieß es: „Wir haben unser Versprechen, dem ägyptischen Volke Unabhängigkeit, zu geben, immer wieder erneuert. Wir sind der Meinung, daß die Erfüllung dieses Versprechens nicht mehr zurückgestellt werden kann. Der-Geist des ägyptischen Nationalismus kann nicht erstickt werden, und obwohl.es immer möglich sein mag, seine heftigeren Ausbrüche zu unterdrücken, muß doch die Regierung des Landes zum Trotz einer feindlichen, uns des Wortbruchs anklagenden Bevölkerung eine schwierige und verhaßte Aufgabe sein." Ueber Churchills Rolle im Middle East urteilt Sir Valentine Chirol (Times, 29. Dezember 1921): „Ich kam im letzten April durch Aegypten gerade eine Woche, nachdem Mr. Winston Churchill seine Middle Eastern Konferenz in Kairo abgehalten hatte, und obwohl diese Konferenz in keiner Weise mit der ägyptischen Frage zusammenhing,

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