Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 12
- Article
- England im Nahen Osten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 716 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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7i6 Hans Kohn: der türkischen Regierung zu Angora, die einen Teil der Bagdadbahn beherrschte und das ,Gebiet von Mosul leicht angreifen konnte. Frankreich schieß ein Bündnis mit Angora, räumte Zilizien und ließ sich von der Türkei ökonomische Konzesstonen und die Ausbeutung der Bagdadbahn auf türkischem Territorium versprechen. Damit war der Sevresvertrag und die von ihm geschaffene Grundläge von dieser Seite aus zerrissen. In der Politik des Nahen Ostens herrschte fortab ein offener Gegensatz zwischen Großbritannien und Frankreich. Die antitürkische Politik Lloyd Georges erweckte einen heftigen Unwillen, der sich bis zu drohendem Widerstande steigerte, in weiten Gebieten des britischen Reiches*). Die ganze Behandlung dieses Komplexes erweckt den Eindruck, als sei das Geschlecht der großen Empire-Builders ausgestorben. Das britische Weltreich konnte seine Existenz und seine Beherrschung numerisch weit überlegener Rassen mit verschwindend geringen militärischen Mitteln nur dadurch aufbauen und aufrechterhalten, daß es den fremden Rassen (wenn auch vielleicht oft in individueller Moral und Lebensführung unterlegen) in politischer Moral überlegen war. Es war der europäische Gentleman, der die Zucht der Organisation, die Unantastbarkeit und Integrität der Administration, die Treue des gegebenen Wortes zu verkörpern schien. Dies ist heute geschwunden. Alle beherrschten Rassen von Aegypten bis Hinterindien sind von tiefem Mißtrauen England gegenüber erfüllt. Weite Kreise der in der Kolonialpolitik erfahrenen Engländer haben das schon seit längerer Zeit mit tiefer Unruhe wahrgenommen, und ihr schwerster Vorwurf gegen die Politik Lloyd Georges ist, daß sie, (wie im Westen, so) im Osten das Zutrauen zur britischen Politik und damit die Pfeiler des britischen Imperiums untergraben habe. Die Middle-Eastern-Phantasie hat im Orient einen Block von Aegypten bis Indien gegen England gebildet und "dem schon totgeglaubten Rivalen in Asien, Rußland, die Möglichkeit geboten, einen neuen, noch dazu stärkeren Einfluß als in der Zarenzeit zu gewinnet). Der Mangel an Anständigkeit und zugleich an reichserhaltendem Instinkt im jetzigen englischen Colonial Office ist vielleicht am krassesten in Aegypten zu Tage getreten. Der begabteste Politiker des Landes ist Saad Zaghlul Pascha. Von Ehrgeiz unzweifelhaft nicht frei, hat er doch als einziger stets eine europäerfreundliche Haltung eingenommen. Er war von jedem Panislamismus frei, sein Ideal war eine mit Großbritannien in bestem Einvernehmen lebende, aus den christlichen Kopten und den Mohammedanern im Lande bestehende ägyptische Nation. Er war bei Kriegsausbruch Vizepräsident des 1914 unterdrückten gesetzgebenden Rates. England hatte den ■ Aegyptern wiederholt und feierlichst, zuletzt bei Beginn des Krieges die Unabhängigkeit zugesagt. Das ägyptische Volk wartete und vertraute. 1919 erhielt Zaghlul die Pässe nach England nicht, er wurde interniert. Dann *) Vergleiche in diesem Zusammenhang meine Aufsätze „Panasiatismus" in der Monatsschrift „Die Arbeit" III, Jahrg. 1. Heft und „Wandlungen im Osten" im 10. Heft dieses Jahrgangs des „Juden".