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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 711

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Die Juden in Finnland
Date
1921-01-01
Page
711 (sequence 8)
Language
German
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben 711 als Vorbild dienen. Der sie leitende Ausschuß spart keine Mittel, um ihr eine vollendete Form zu geben, und die allgemeinen Fächer werden von den tüchtigsten schwedischen Lehrern unterrichtet, uitter ihnen auch von Dozenten der Universität. Dem Beispiel Helsingfors folgte auch die kleine Gemeinde von Abo. Auch sie gründete eine allgemeine hebräische Schule mit dem Programm einer weltlichen Lehranstalt. Diese Anstalt ist jünger als die erste. Gegenwärtig hat sie das erste Jahr ihres Bestehens mit zwei Klassen abgeschlossen: einer Volksschulklasse und einer Mittelschulklasse. Mit dem nächsten Schuljahr werden noch zwei Klassen, je eine für jeden Typus, eröffnet werden. Trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens hat „ auch diese Schule ihre Notwendigkeit und Nützlichkeit bewiesen. Der Typus der jüdischen Schule in Wiborg unterscheidet sich von dem der anderen Gemeinden und gleicht eher denjenigen der jüdischen Schulen Englands und - Amerikas, indem der Unterricht erst am Nachmittag stattfindet, nachdem die Schüler ihren allgemeinen Unterricht in den städtischen Schulen bereits hinter sich haben; viele Gründe sprachen hier für eine Beschränkung auf die jüdischen Fächer. Obwohl die Schule zu Wiborg iaa äußeren Gefüge ihren überseeischen Schwestern gleicht, übertrifft sie diese durch ihr inneres Wesen. Die Erkenntnis, das die Schule das Werk der Gemeinde ist, gibt ihr schon das nötige Niveau und bewirkt eine Wertschätzung in den Augen der Schüler und der Umgebung; diese Erkenntnis wäre wohl kaum möglich in den beiden Ländern, die ich erwähnt habe. Es sind eben die Grundlagen, auf denen die Wibo*rger Schule und die Schulen im Auslande aufgebaut sind, ganz andere, — die Kenntnisse der Schüler in hebräischer Sprache und den jüdischen Fächern sind das beste Zeugnis dafür. Die Zahl der Schüler, die ihre jüdische ■ Erziehung in diesen drei Schulen genießen, beträgt etwa 250, davon mehr als die Hälfte in Helsingfors. Wenn man die großen Ausgaben (etwa 400000 finnische Mark) berücksichtigt, die durch die Unterhaltung dieser Schulen verursacht werden, erkennt man, wie sehr die kleine Judenschaft Finnlands dem Gedanken der modernen hebräischen Erziehung ergeben ist und wie viel sie für diesen tut. Die langen Jahre, während deren die Juden Finnlands unterdrückt und der Laune der jeweiligen Machthaber ausgesetzt waren, zwangen sie stetscgeeint zu bleiben; vereint haben sie beratschlagt, wie man dieser oder jener Beschränkung ausweichen könnte, einer half dem anderen in seiner Not, um nötigenfalls wiederum dessen Hilfe beanspruchen zu können. Gleich bei ihrer Ansiedlung im Lande brachten sie mit sich alle ihre „Chewroth" und Wohltätigkeitsanstalten, die in Rußland bestanden hatten, und ihre Arbeit auf diesem Gebiet blieb stets fruchtbar; dadurch entwickelte sich bei ihnen das Mitgefühl für die Leiden der anderen. Als zu ihnen in den Kriegsjahren das Stöhnen ihrer zertreuten Brüder aus der Ferne drang, die in Not und Beengung in den Ländern Osteuropas lebten, eilten sie ihnen mit namhaften Beträgen zu Hilfe. Wenn wir die Millionen ins Auge fassen, die die Juden Finnlands für Wohltätigkeitszwecke seit Beginn des Krieges bis jetzt aufgebracht haben, wundem wir uns über ihre Großzügigkeit und ihre Ergebenheit ihren leidenden Brüdern gegenüber. Ebenso vergaßen sie aber auch nicht die kulturellen und Wohlfahrtsanstalten ihrer Mitbürger und bedachten sie stets in reichem Maße. Die Juden Finnlands vermögen nicht anzugeben£wann und unter welchen Umständen sie sich der zionistischen Bewegung angeschlossen haben, da sie als Juden, denen der Gedanke der nationalen Wiedergeburt teuer war, nie aufgehört haben, dieser Idee Liebe entgegenzubringen und bei jeder Gelegenheit diese Liebe auch zu bekunden. Sie antworteten willig auf die Rufe der zionistischen Organisation und beteiligten sich aktiv am Aufbau Palästinas, VI. Die Veränderung in dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben der finnischen Juden, die dank den günstigen Bedingungen der Kriegsjahre eingetreten ist, hatte noch keine Zeit, eine jüdische Intelligenz zu schaffen, und darunter leidet die weitere Entwicklung der hiesigen Judenschaft. Eine Quelle in Form einer Zeitung, aus der die Juden Kenntnisse des Judentums und zur gleichen Zeit auch Nachrichten von dem, was in der Welt vor sich geht, schöpfen könnten, bestand vor ihrer Befreiung nicht. Da unternahmen es unsere intellektuellen Kräfte in Helsingfors, diese empfindliche Lücke auszufüllen; doch trotz ihrer vielen Mühe konnte die Zeitung nicht länger als zwei Jahre bestehen und war gezwungen, aus Mangel an literarischen Kräften das Erscheinen aufzugeben, und bis jetzt ist noch keine Hoffnung vorhanden, daß sie bald wieder erscheinen wird. Dieser Mangel ist besonders für die Jugend, für die Jugendbewegung fühlbar. Die Jugendlichen, welche die alten Erziehungsanstalten nicht besucht hatten und. für 'die neuen schon das entsprechende Alter überschritten haben, die alle ihre Kenntnis des Judentums von Privatlehrern zu einer Zeit, „wo es weder Tag noch Nacht ist", erworben haben, — sie sind jetzt ohne Führer und Leiter sich selbst überlassen und haben sich noch für keinen Lebensweg entschieden. Es gibt hier allerdings zionistische Jugendgruppen, doch deren Einsicht, warum" man gerade dieser Gruppe und keiner anderen angehöre, ist bei ihnen noch nicht reif, und

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