Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Juden in Finnland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 710 (sequence 7)
- Language
- German
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7io ^Umschau: Berichte von jüdischem Leben berechtigung in anderen Ländern verzeichnen,, und ebenso die Auflösung als Entgelt für das Erhalten der Rechte sahen wir bei unseren Brüdern in Finnland nicht; und verschiedene Ursachen gibt es dafür. Die Uebernahme desEuropäertums, die in Ländern mit größerer jüdischer Bevölkerung lange Zeit dauerte, war hier rasch beendet und bildete keinen Grund für eine „Verzögerung der Erlösung44. Eine radikale Selbtverleugnung war hier schon wegen des Fehlens einer Intelligenz unmöglich, die selbst durch ihre Lebensführung den Weg der Assimilation den jüdischen Massen zeigen würde, wie dies unsere westeuropäische Intelligenz in der ähnlichen Situation getan hatte. Außerdem hatte die nichtjüdische Umgebung in Finnland ja ein Vorurteil gegen den Juden, und in ihrer Gesellschaft war er durchaus kein gern gesehener Gast. Auf diese Weise waren die Juden gezwungen, getrennt von der Gesamtbevölkerung ihr Eigenleben zu führen. Die hauptsächliche Ursache aber, die die Assimilationsideologie störte, in die Auffassung der finnischen Juden einzudringen, war die Entwicklung eines nationalen Bewußtseins, die in den Jahren der politischen zionistischen Bewegung eine feste Form erhielt und auf den Gedankengang unserer Brüder einwirkte. An Stelle der Verneinung des Nationalismus, die dem westeuropäischen Juden das einzige Mittel zur Erreichung seiner Bürgerrechte^ als Einzelperson war, war die Bejahung seines Nationalismus, zu dessen Fahne sich jeder finnische Jude bekannte, diesem das Mittel zur Erreichung der vollen Freiheit seiner Gemeinschaft. Es ist begreiflich, daß zu diesem Unterschied mit seinen verschiedenen Folgen auch die Veränderung der Auffassungen im staatlichen Leben beitrug. V. Die erste Arbelt, die die Juden Finnlands nach ihrer Emanzipation in Angriff nahmen, war die Regelung ihrer allgemeinen Angelegenheiten nach den Gesetzen der Antonomie, die ihnen zuteil wurde. Die drei Gemeinden Helsingfors, Wiborg und Abo haben sich bei der Regierung als unabhängige Körperschaften angemeldet, die von einmal in zwei Jahren zu wählenden Vertretern geleitet werden. Auf die Tagesordnung kam der Antrag der fortschrittlichen Kreise, auch der jüdischen Frau das Recht zu geben als gleichberechtigtes Mitglied am Gemeindeleben teilzunehmen, aber dieser Versuch schlug diesmal fehl, da die Mehrheit diesen „allzu weltgehenden Neuerungen" abhold war. In den jüdischen Gemeinden Finnlands finden wir nicht die verschiedenen Strömungen und Parteien, wie wir sie in den meisten Gemeinden Europas sehen, wo sie die Kräfte der Gemeinden oft nur um ihrer „Prinzipien4* willen allzu sehr zersplittern. Die einzelnen Parteien arbeiten in Finnland mit vereinten Kräften an allen Angelegenheiten, die dem Bestand der Juden und des Judentums in, ihrem Lande dienen, aber auch für ihre zerstreuten, in Not befindlichen Brüder in den Ländern des Ostens und für das Land unserer Zukunft — Erez Israel. Wenn der Stand der jüdischen Erziehung ein anerkannter Maßstab für die Weite der jüdischen Interessen einer unserer Gemeinschaften sein darf, so muß das Urteil über die finnischen Juden hier günstig lauten. Gleich nachdem ihnen die Möglichkeit gegeben worden war, für ihren nationalen Bestand zu sorgen und zu wirken, erkannten sie sofort, daß der Ausbau eines jüdischen Erziehungswesens in seinem ganzen Umfang die alleinige Grundlage sein kann, auf der das Judentum bestehen und sich entwickeln kann. ' Trotz des nationalen Bewußtseins, das in den finnischen Juden schon viele Jahre vor dem Weltkriege wach gewesen war, wurden ihre jüdischen Kenntnisse immer geringer, die Landessprachen waren die ihrigen, das Hebräische war ihnen fremd geworden und ihre Kenntnisse im Jiddischen nahmen ständig ab. Ein jüdisches Erziehungswesen bestand damals nicht, weder in Gestalt von Schulen noch in derjenigen von Chadarim. Die Kinder erwarben ihre jüdischen Kenntnisse durch Privatlehrer, sozusagen „auf einem Fuße stehend44, nebenbei, zu einer Tageszeit, wo das Kind gerade frei war von seiner allgemeinen Schule, die fast seinen ganzen Arbeitstag ausfüllte. So können wir uns leicht vorstellen, in welchen Bahnen die dortige Judenheit sich bewegt hatte. Diese traurige Tatsache nahmen sich die Juden in Finnland zu Herzen, und ihre erste Arbeit auf diesem Wege war, Ordnung in die vernachlässigte Erziehung der heranwachsenden Generation zu bringen. Durch den Krieg verbesserte sich die wirtschaftliche Lage unserer Brüder — wie ich das oben schon erwähnt habe — und dadurch wurde ihnen auch finanziell die Möglichkeit gegeben, ihre Erziehungspläne auszuführen; große Summen wurden für diesen Zweck bereitgestellt. Die erste Betätigung auf diesem Gebiet war die Gründung der „hebräischen Schule" in Helsingfors, mit einem breiten Lehrplan in jüdischen Fächern und mit dem Programm der staatlichen Mittelschulen' in den allgemeinen. Nach dreijährigem > Bestehen hat die Schule jetzt gezeigt, daß sie in vollem Umfange den Zweck erfüllt hat, zu dem sie bestimmt war. In dieser Zeit haben die Schüler ansehnliche Kenntnisse der hebräischen Sprache und Literatur, der Geschichte unseres Volkes und anderer Fächer des Judentums erworben. Mit Schluß dieses Jahres werden in den allgemeinen Fächern füni Klassen einer Mittelschule bestehen. Diese Schule kann auch für größere Gemeinden als Helsingfors