Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Juden in Finnland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 712 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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712 Umschau: Berichte von jüdlschem-Leben zwar wegen Mangel an "Interesse. Von der Jugend des Landes übernahmen sie auch ihre materialistische Prägung, und die Angelegenheiten des täglichen Lebens nehmen bei ihnen einen alles in Hintergrund stellenden Platz ein; besonders ist es der Sport, dem ihr Sinn gehört. Dem Sport widmen sie ihre besten Kräfte und ihre ganze Aufmerksamkeit. Es genügt zu erwähnen, daß diese jungen Leute in Helsingfors selbständig eine nur für Sportangelegenheiten bestimmte Zeitung herausgeben. Freilich hat diese Bewegung auch wichtige positive Seiten: ihre im allgemeinen nationale Prägung, die Vereinigung der Jugend der drei Städte durch gemeinsame Interessen, ihr gelegentliches Zusammentreffen auf dem Spielplatz; — doch liegt viel einseitige Uebertreibung in dieser Bewegung. Hätten sie intelligente Lehrer und Führer, so gäben sie den besten Grundstock für jede Bewegung ab, besonders für die zionistische. Wenn wir diese Jugendlichen betrachten, so steigt in uns unwillkürlich die skeptische Frage auf: was wird ihr Ende sein? Was wird sie zurückhalten, ihren Weg bis zum äußersten Punkte fortzusetzen? Bekanntlich leidet die skandinavische Judenheit, die Nachbarin Finnlands, viel unter jener ansteckenden Krankheit (die anfangs leicht und später "schwer wird), deren Name Mischehe ist. Droht nicht diese Gefahr auch den Juden Finnlands? Ich will diese Frage nicht bejahend beantworten, aber sie ist eine Tatsache, die auf der Tagesordnung steht und nicht wegzuleugnen ist. — Die Grenzen Finnlands sind für jede Einwanderung geschlossen und besonders für die jüdische, die nur aus dem „gefährlichen" Osten kommen kann. Auf neue Kräfte von außen, die das arme jüdische Leben im Lande bereichern - würden, ist also nicht zu hoffen. Die Jugend beider Geschlechter findet den Kreis ihrer Bekannten unter ihren Kameraden in den allgemeinen Schulen. Und was könnte gegen Eros ausgerichtet werden, im Augenblick, wo er anfangen wird, in ihrer Mitte zu wirken? Wegen der kleinen Zahl der jüdischen Bevölkerung gibt es auch eine sehr wenig zahlreiche Jugend, und ihre frühere Lebensweise zwang sie zu sehr, einander kennen zu lernen, und die Natur des Eros verträgt nicht diese Enge. Ueberhaupt sind alle Juden in Finnland eine große Familie, da der Mangel an „Auswahl" sie zwang, untereinander zu heiraten, sodaß alle gegenseitig verwandschaftlich verbunden sind.' Wenn auch hier bei den Juden einstweilen keine Gefahr der Degeneration besteht, so hat zweifellos diese Blutverwandtschaft viel zur Abstumpfung der intellektuellen Kräfte dieses Geschlechts beigetragen; und die jüdischen Schüler sind der Beweis dafür. Es gibt hier nicht den Typus des jüdischen Kindes mit seiner großen, ja außergewöhnlichen Begabung, wie wir ihn in allen Schulen der Welt finden, so daß die Begabung der Mehrzahl hier unter dem Durchschnitt ist. Es ist eine betrübende Tatsache, aber man kann sie nicht ändern, solange die Familienverhältnisse so bleiben. Und das ist auch die Aussicht der finnischen Juden für die nahe Zukunft und vielleicht auch für die ferne, falls keine plötzliche, unerwartete Aenderung eintritt. *^ Trotz ihres nationalen Bewußtseins — das freilich bei vielen, besonders den Jungen, noch nicht reif ist — muß, wie wir sahen, die Sorge um die Zukunft einen wichtigen Platz einnehmen und die Wege müssen aüf ein anderes Ziel gerichtet sein. Im Leben der finnischen Juden finden wir einen Mangel an Standpunkt und Färbung, ihr Judentum ist noch jungfräulicher Boden, den man nach unseren Wünschen bearbeiten kann. Für die Gestaltung ihres nationalen und persönlichen Lebens benötigen sie einen zuverlässigen Leiter, der durch seine Kenntnisse, Wissen und Persönlichkeit diejenigen beeinflussen würde, die nach einem lebendigen Worte dürsten. Dieser zuverlässige Erzieher müßte als Landes-Rabbiner fungieren. Wenn sich ein Mann findet, der dieses Amtes würdig ist und es mit Umsicht und Kraft führt, dann ist zu hoffen, daß die Juden Finnlands auf dem Gebiete ihres nationalen Lebens ein Musterbeispiel für ihre Brüder im Galuth und eine Zierde für das ganze jüdische Volk werden. Abraham Hurwitz. Aus Raumgründen kann der Abschnitts-Schluß von Samue! Rappaports „Aus dem religiösen Leben der Ostjuden" erst im nächsten Heft erscheinen. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Gustav Krojanker, Berlin. — jüdischer Verlag, Berlin. Druck von- Zahn & ttaendel« Kirchhain N.-L.