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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 709

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Die Juden in Finnland
Date
1921-01-01
Page
709 (sequence 6)
Language
German
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben 709 finnischen Juden kamen, ihre Söhne in der Lehre Israels zu unterrichten, waren immer die minderwertigsten unter den russischen, sowohl in Bezug auf ihre Kenntnisse, als auf ihre ^Persönlichkeit. Und was konnten sie auch der jungen Generation geben, die gar keine häusliche Erziehung genoß? Die Zeit, welche die Eltern für den jüdischen Unterricht ihrer Kinder bestimmten, war sehr beschränkt, nur 4—5 Jahre, bis zum zehnten oder elften Lebensjahr. Nachher war das Kind gezwungen, seinen Eltern die schwere Last zu erleichtern, ihnen bei ihren armseligen Geschäften zu helfen, und bald nahm es selbst einen Kasten mit Ware und ging auf den Markt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und die kurze Spanne Zelt, die man dem Kinde für das Lernen gewährte, verbrachte es meist nahe dem Haus des Melameds oder auch fern davon, aber jedenfalls nicht im Hause über einem Buch. Das Kind hatte keine Lust, seine Tage und Jahre über Dingen zu verbringen, die es nicht fesselten. Die Eltern wollten öder konnten nicht die Kleinen im besseren Sinn beeinflussen. So sah die'einzige Erziehungsstätte der großen Mehrzahl dieser Generation ausl Es gab zwar einige wenige, welche auch die Volksschulen der Regierung besuchten, aber wegen der schwierigen Lage ihrer Eltern und wegen anderer, z. B. religiöser Hindernisse waren sie nach 1—a Jahren Schulbesuch gezwungen, diesen aufzugeben; so blieben auch diese jedes Wissens bar. Mit der Besserung der wirtschaftlichen Lage der finnischen Juden veränderten sich auch ihre äußeren Formen. Die Erziehung, die sie weder im Elternhause noch in einer Schule genossen hatten, begannen sie allmählich selbständig nachzuholen, indem sie von ihrer Umwelt und von den Erfahrungen des täglichen Lebens mehr lernten, als eine Erziehungsanstalt zu lehren vermag. Sie änderten ihre Gewohnheiten, nahmen europäischen Schliff an, veränderten ihre traditionelle Welt- und Lebensauffassung. Es gelang ihnen, dieses mit Geschmack und Geschick durchzuführen. Wenn wir heute ihr Leben betrachten, können wir bei ihnen das Künstliche vom Natürlichen kaum trennen, denn die Gewohnheit ist ihnen schon zur zweiten Natur geworden. Zu Hause herrschte noch zum Teil — bei einer Minderheit sogar zum großen Teil — die altväterlichen Gebräuche; aber außerhalb des Hauses oder richtiger außerhalb der Forderungen der Religion gewannen sie in allem neue Formen. Und die Hauptsache bei dieser Aenderung ist, daß sie ihrer Entwicklung Grenzen zu setzen wußten und nicht in Uebertreibung verfielen. In ihrem äußeren Leben war stets vor ihren Augen der Spruch: „Was werden die Völker sagen". Sie rechneten immer — oft nur allzu sehr — mit der Meinung des Nichtjuden, und das führte sie auch zum gewünschten Ziel. Wenn man das Milieu, in dem sie aufwuchsen, und die Bedingungen ihres früheren Lebens berücksichtigt und dies mit dem jetzigen Stand der Dinge vergleicht, so wundert man sich über die Riesenfortschritte der jüdischen Bevölkerung Finnlands in kultureller Hinsicht. Das Wort „Kultur« ist in diesem Fall sehr eng und bedeutet hier nur deren äußeren Glanz. Denn schließlich, was sie hatten entbehren müssen, eine Kinderstube, das konnten sie jetzt nicht mehr wettmachen, nachdem sie das entsprechende Alter überschritten hatten, auch wenn gegenwärtig die Verhältnisse anders und günstiger wurden; das tut ihnen sehr leid, und sie bemühen sich, daß das Wort Kultur auf ihre Kinder im vollen Umfange zutreffen soll. Mit der Reife des menschlichen Bewußtseins reifte auch ihr nationales. Die neue Zeit forderte das Ihrige. Dieses Geschlecht, das sich unter anderen, günstigeren Lebensbedingungen entwickelte, begann sich als Juden nicht nur im religiösen, sondern auch im nationalen Sinn zu fühlen, und-im europäischen Sinn als Menschen, die für sich Ehre und Achtung in Anspruch nehmen. In dem schweren Leben und in den verschiedenen Beschränkungen fühlte es nicht nur eine Minderung der eigenen Ehre, sondern auch eine Nichtachtung des ganzen jüdischen Volkes. Und als direkte Folge dieses Gefühls kam die mächtige Bewegung für die äußere Befreiung, für die Emanzipation. Der Schritt, der der Befreiungsbewegung einen starken Ausdruck, eine vollendete Form gab und sie zu einer aktuellen Bewegung in diesem Lande machte, war ein Einwohner Wlborgs, Senator Jakobson. Er Heß nicht ab, die Rechte zu fordern, die nach Recht und Billigkeit den Juden Finnlands gebühren, und seine Forderungen, in scharfe und energische Worte gekleidet, machten Eindruck und drangen in die Herzen. Die Juden der Stadt Wiborg folgten als erste diesem Kämpfer, alsbald gesellten sich die Juden von Helsingfors dieser Bewegung, und nach kurzer Zeit vernahmen das jüdische, Volk und die Welt die Stimme der Juden Finnlands, die ihre Rechte als Menschen und Achtung für. ihre Nationalität forderten. Der Kampf" um die Emanzipation wurde mit unseren traditionellen alten Waffen des Geistes und der Vernunft geführt, und dank dem besonderen Eifer der Juden und den historischen Umständen, die in der Zeit lagen, war es endlich möglich, das erhoffte Ziel zu erreichen. Die Juden in Finnland erhielten als Menschen vollkommene Gleichberechtigung mit den übrigen Bürgern des Landes und als Juden vollständige Freiheit, ihr nationales Leben zu führen. Dieser wichtige. Gedenktag ist der 12. Januar 1918, im zweiten Monat nach der Befreiung des finnischen Volkes. Die äußerste Assimilation, die wir in der jüdischen Geschichte zur. Zeit des Strebens unserer Brüder nach vollständiger Gleich-

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