Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Juden in Finnland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 708 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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708 Umschau: Berichte von jüdischem Leben dieses oder jenes Gouverneurs existierten und nur heimlich, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen am Handel teilnahmen. Im Augenblick aber, wo sich ihr Zustand geändert hatte und sie ihre Freiheit gleich den anderen Bürgern erhalten hatten, änderte sich die Art des Antisemitismus und nahm eine vollendetere Form an. Es genügt die Erwähnung, daß die finnischen Schweden, die nur ungefähr 8 °/0 der Gesamtbevölkerung bilden, eine schwedische Uebersetzung der bekannten „Protokolle der Weisen von Zion" herausgaben, — und diese Ware fand auch viele Abnehmer. Besonders vertiefte sich der Judenhaß und griff stärker um sich, als die bolschewistische Bewegung anfing, Wurzel in diesem Lande zu schlagen. Obwohl es in Finnland keinen einzigen Bolschewisten jüdischer Abstammung gibt, vergaß die Presse doch nicht, — als sie zum Feldzug gegen die außerhalb der finnischen Grenzen im Osten auszog, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die von dort dem Vaterlande, seiner Kultur und Wirtschaft "drohten — auch „diejenigen" im eigenen Lande zu erwähnen, die den Bestand des Volksganzen untergraben würden. Es genügt, daß ein Jude sich das kleinste Vergehen zu schulden kommen lasse, und die ganze Presse, besonders die schwedische, ist sofort dabei, die „Sünden" aller Juden aufzuzählen. . . Der zweite und wichtigere Umstand, welcher der Entwicklung des Antisemitismus in diesem Lande Nahrung gab, war die Besserung der wirtschaftlichen Lage der Juden, die durch den Weltkrieg bewirkt wurde. Bekanntlich war Finnland zu jener Zelt ein Transitland für viele Waren, die aus Westeuropa nach Rußland kamen. Und seine Juden waren fleißige Vermittler in privaten und Regierungsgeschäften, Heereslieferanten und verstanden jene günstige Zelt auszunutzen. Alle Juden, die noch gestern um ihr tägliches Brot zu sorgen hatten, wurden zu reichen Leuten, zum Teil zu Millionären. Die neuen Reichen hielten sich nicht im Hintergrunde, sie machten sich Überall bemerkbar, im Hause wie in der Oeffentlichkeit; besonders zeichnete sich darin die jüdische Frau aus. Dieselbe Frau, die erst gestern ihrem Mann in seinem schweren Existenzkampfe geholfen hatte, lernte schnell die Dame spielen, sich nach der letzten Pariser Mode kleiden, teuren Schmuck anlegen, mit einem Wort „das Leben genießen**. Das war ein rotes Tuch für alle, die nach einem Vorwand für ihren Judenhaß suchten. Zur Zeit, da ich dieses schreibe, haben die Antisemiten einen Fund gemacht, aus dem sie auch Kapital schlagen. Vom Ende 1918 bis Anfang 1921 bestand ein Gesetz, das die Einfuhr verschiedener Waren nur auf Grund einer besonderen Lizenz erlaubte. Die Judenfeinde, diesmal Textilhändler (ein Handelszweig, mit dem sich auch Juden befassen) sahen, daß bei Juden keine Ware fehlt, und sofort schlössen sie daraus, daß jene das Gesetz tibertreten hätten. Sie ruhten nicht, bis sie das Vergehen herausfanden, und etliche wurden dem Gericht übergeben. Zwar waren auch viele nichtjüdische Kaufleute der Versuchung verlegen und müssen siehe benfalls vor Gericht verantworten, aber dem Publikum wird eröffnet, nur die Juden hätten sich am Vaterland vergangen. Das Verhältnis der Regierung zu den Juden ist weder gut noch schlecht, und wäre nicht die öffentliche Meinung einer Minderheit zwar, aber einer solchen mit großem Einfluß, so ist sogar anzunehmen, -daß die Regierung sich wohlwollend zu den Juden verhalten würde. Aber die geschworenen Hetzer, die um ihres eigenen Vorteils willen stets auf der Wacht stehen, bauschen jede Kleinigkeit in den Augen der Regierung auf, und die Juden werden dadurch verhaßt und verächtlich gemacht. Bekanntlich gab es vor der Loslösung Finnlands von Rußland keine „finnischen Juden", sondern nur „Juden in Finnland". Durch das Gesetz vom 12. Januar 1918 erhielten die Juden ihre Gleichberechtigung. Ihre Freude war grenzenlos, und alle beeilten sich, Einbürgerungsgesuche einzureichen, doch nicht allen Gesuchen wurde ohne weiteres entsprochen. Noch anderthalb Jahre nach Erlaß des erwähnten Gesetzes waren von den 979 Juden in Helslngfors bloß 487 (darunter 238 Kinder) finnische Staatsbürger, während die übrigen noch vergebens auf ihre Einbürgerung warten mußten. Die Aufnahme ins Bürgerrecht bewegt sich zur Zelt nur mühsam vorwärts, und schuld daran sind die Hetzer, die ein großes Gezeter erhoben: „Eine Ueberflutung mit Juden droht euch, Finnen! Schiebt einen Riegel vor!" Und der Riegel wurde vorgeschoben. IV. Um das Wesen der Kultur der gegenwärtigen (zweiten) Generation der Juden Finnlands kennen zu lernen, müssen wir uns die Institutionen ansehn, in denen sie ihrje Erziehung und Ausbildung erhielten, und die Art und Weise, auf welche sie sich diese aneigneten. Ihre Eltern, die mit Stock und Riemen im Cheder und in Talmud-Thora- Schulen in Rußland erzogen worden waren, hielten ,dle alten Anstalten für mustergültig, auch für die Erziehung ihrer eigenen Kinder. Aber was damals in Rußland anging, war 20—30 Jahre später in Finnland unmöglich. Das Haupthindernis war das Fehlen kenntnisreicher und, wenn auch nicht in pädagogischer Hinsicht, tüchtiger Melamdim, welche einen Teil ihres Wissens ihren Schülern vermittelt und dadurch in ihren Herzen eine vollständigere Erkenntnis des Judentums und seiner geistigen Güter gepflanzt hätten und ein Gefühl der Achtung für die Träger seiner Fahne. Die Melamdim, welche zu den