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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 707

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Die Juden in Finnland
Date
1921-01-01
Page
707 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben 707 Städte: Helsingfors, Wiborg, Abo. Natürlich war die Konkurrenz groß — eine notgedrungene Konkurrenz — alle Geschäfte reichten nicht aus, um die Beschäftigten zu ernähren, und die Armut herrschte in ihren Häusern, Wo aber Armut herrscht, ist manches möglich, und aus diesem Grunde sanken die Judenauch in sittlicher Hinsicht Der Jude und der „Narynek" wurden in Finnland zu Synonymen, so daß die Volksmasse nicht den einen vom anderen zu unterscheiden vermochte, ohne freilich zu wissen, daß dies eine künstliche Aneinanderkoppelung war, eine Verbindung, die sie un4 ihre Regierung zustande gebracht hatten. Das Volk sah und urteilte nach dem Eindruck seiner Augen, und seine Augen sahen manches häßliche Vergehen, daß keinesfalls mit den Sätzen der Zehngebote "zu vereinbaren war. .. . Ein selbstbewußter Jude schämte sich, am Marktplatze vorbeizugehen und seine Brüder in ihrer Schande zu sehen, .und derjenige, der nicht geschäftlich an diesem Orte zu tun hatte, mied ihn, um sich nicht Unannehmlichkeiten auszusetzen. Obwohl das den Handel beschränkende Gesetz bis zur Befreiung Finnlands von der russischen Herrschaft in Kraft blieb, fingen die Juden in Wirklichkeit schon vorher an, sich aus seinen Fesseln zu befreien, u. z. in den letzten Jahrzehnten Die alte Generation war freilich noch zu sehr mit ihren hergebrachten Lebens- und Erwerbsgepflogenheiten verknüpft, aber was die Alten nicht wagten, setzten ihre Kinder durch. Der Narynek war ihnen eng geworden und der Kasten mit Zigaretten und Streichhölzern konnte ihnen nicht mehr behagen Statt alter Kleider begannen sie neue und auch Stoff nach Maß zu verkaufen (der Verkauf von Waren, die mit der Elle gemessen werden mußte, war den Juden verboten!), und sie hatten mit ihrem neuen Handel auch mehr Glück. Wiewohl die Uebertretung des Gesetzes ständig in Gefahr schweben ließ, des Landes verwiesen zu werden, zog der Handel im eigentlichen Sinne des Wortes allmählich alle Juden Finnlands heran. Und das Gleichberechtigungsgesetz, daß auch die Freiheit des Handels enthielt, fand mit Ausnahme einiger'von der alten Generation keine Juden mehr auf dem Narynek und schon gar keine, die mit ihren Kasten in den Straßen der Städte umherzögen. III. Finnland ist seit jeher als ein Land bekannt, das eigene Antisemiten zur Genüge hat und nicht auf Import dieser Gattung angewiesen ist. Im Laufe vieler Jahre standen diese Vaterlandsfreunde auf ihrem Posten mit dem dröhnenden Ruf: Juden über dir, Finnland, sieh dich vor! Und wenn auch dieser Ruf nur aus den Kreisen der Intelligenz kam, genügte er doch, unsere Brüder empfindlich zu schädigen. Das Landvolk kannte die Juden nicht einmal vom Sehen, und diejenigen, die sie mehr oder weniger "kannten, waren die Bewohner der drei größeren Städte, die ich erwähnte. Die Wertschätzung, mit der diese das jüdische Volk betrachteten, war nicht groß. Denn, wie ich schon erwähnt hatte, erschienen der Jude und der Narynek als ein unzertrennliches Ganzes, und dem Juden des Marktes konnte man keine Achtung, geschweige denn Liebe entgegenbringen. Die Einstellung, die der Finne durch diese unsere Brüder dem Volksganzen gegenüber gewann, war eine rein negative, ohne einen einzigen positiven Strich. Die breiten Massen, die nur den Namen des Juden gehört und keinen einzigen gesehen hatten, stellten sich ihm als eine Ausgeburt des Teufels vor, und diejenigen, die mit ihm zusammentrafen, sahen in ihm alles andere eher als einen Vollmenschen. Die Herrschaft der zwei Nationalitäten innerhalb des Landes, oder richtiger der zwei Sprachen, der finnischen und der schwedischen, bezeichnet auch zwei Zeiträume des Antisemitismus. Der erste Zeitraum ist derjenige, von dem ich oben sprach, in dem der Finne den jüdischen Geist fürchtete und sich durch seine Intelligenz bemühte, diesen bösen Geist zu besiegen. In jener Zeit sah der finnische Schwede die Juden als minderwertige Menschen an, mit denen es sich nicht verlohnt, sich näher abzugeben. Ab und zu zeigte, er seine Gesinnung in einem Artikel voll Haß, aber, er tat dies nur nebenbei. Im Lauf der Zeit wechselten die Bilder. Der Finne lernte den gesitteten, mit europäischen Formen vertrauten, gewandten und fleißigen Juden kennen und begriff dessen Wert für die Entwicklung des heimatlichen Handels. Andererseits erwarb der Finne selbst inzwischen eine demokratischere Auffassung, die Interessen seines soeben befreiten Landes beanspruchten seine Aufmerksamkeit für andere, wichtigere Dinge, und so überließ er die jüdische „Bagatelle" sich selbst. Derselbe Umstand aber, der die Auffassung des Finnen von den Juden ein wenig zum guten verändert hat, änderte die Auffassung des finnischen Schweden sehr erheblich zu ihren Ungunsten. Die finnischen Schweden, die Blüte der Intelligenz, die alten Patrizier, die noch vor kurzem den Juden in seinem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tiefstand gesehen hatten, fühlten plötzlich, daß ein gefährlicher Konkurrent ihnen gegenübersteht, der sie aus gewissen Zweigen des Handels verdrängt und auch in der Industrie Fuß faßt. Es schmerzte sie zu sehen, wie das Land von den „Fremden" erobert wird, und ganz besonders, wie die „Fremden", die Söhne der Juden vom „Narynek" in vollen Zügen die Güter dieser Welt genießen... Der Antisemitismus in Finnland war in seinen Kinderschuhen, solange die Juden entrechtet waren, solange sie durch die Gnade

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