Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Juden in Finnland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 706 (sequence 3)
- Language
- German
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7o6 Umschau: Berichte von jüdischem Leben haltserlaubnis halbjährlich erneuern lassen wie die Angehörigen fremder Staaten); ferner diejenigen von ihnen, die nach der Zahl der im Lande verlebten Jahre dazu besichtigt waren, als Staatsbürger aufzunehmen. Aber auch dieses führte zu keinen greifbaren Resultaten. Danach wurde die Judenfrage in Finnland noch verwickelter durch die Reibungen, die zwischen Finnland und Rußland entstanden. > Und wer weiß, wie lange' noch die Juden aller Menschenrechte bar geblieben wären, wenn nicht die Hand der Zeit eingegriffen hätte. Es kam das große Ereignis des Weltkriegs und nach ihm die zweite russische Revolution, die alles Frühere umwälzte, und dadurch wandte sich das Schicksal der Juden im Land der tausend Seen zum Guten. IL Die ersten fünfzig Jahre ihres Aufenthaltes im Lande verliefen für die finnischen Juden in leidlicher Ruhe. Die strengen Gesetze der Regierungen, die ihre Rechte beschränkten, wurden zwar in aller Form aufrecht erhalten, sie berührten aber nicht so tief ihr Leben, da sie gegen ihre äußere, nicht gegen ihre innere Lebensgestaltung gerichtet waren. Jenes Geschlecht lebte innerhalb seiner Familie, seines Beth-Hamidrasch und fand darin allein seinen Lebensinhalt. Und nur wenn schmutzige Hände sein Allerheiligstes — die Religion — zu berühren trachteten oder es auch taten, da pflegte es seine Stimme zu erheben. Dabei war seine Auffassung der Religion und deren Ausübung von einer eigentümlichen Prägung, über der der Schatten der „Am-Haarazuth" lastete. Die Kenntnis der Lehre und der Gebote, die sich diese Juden im Cheder und in ihrem Elternhause im Ansiedlungsrayon des alten Rußland angeeignet hatten, ehe sie eine starke Hand aus ihrem Nest heraushob, war sehr dürftig, und im Lauf der Jahrzehnte, die sie abgeschlossen, fern von einem jüdischen Zentrum verleben mußten, bildete sich eine sonderbare Form einer verwilderten Jüdischkeit aus, die mit vielfältigem Aberglauben vermengt war. Die einzige Fühlungnahme mit der jüdischen Welt wurde durch die Abgesandten der talmudischen Lehranstalten, der Jeschiboth, vermittelt. Unter ihren armen Brüdern im fernen Finnland fanden die rabbinischen Emissäre ein weites Feld für ihre Betätigung und, sofern es sich um unlautere Elemente handelte, einen passenden Schauplatz für manche Betrügereien. Es genügte, daß einer etwas Erde von Bialystok brachte und sie als Erez-Jisroel-Erde verkaufte, die noch dazu ausgerechnet von der Grabstätte der Mutter Rahel genommen sein sollte, oder daß er gewöhnliches Viehfutter brachte und es als erprobtes Arzneimittel veräußerte, — und alle, Jung und Alt, Mann und Weib versetzten ihre Decken und Kissen, ihre Sabbathleuchter, nur um des heiligen Staubes teilhaftig zu werden oder um nicht die seltene Gelegenheit des Genusses des Arzneikrautes zu versäumen. Wie man sieht, war ihr menschliches Selbstbewußtsein sehr armselig und noch geringer ihr nationales. Kein Wunder auch, wenn man ihre Herkunft in Betracht zieht und die Wege ihres Lebens, auf denen sie nach Finnland kamen. Diese Juden waren nach der Art ihres Eintritts in den Heeresdienst in drei Gruppen geteilt: in Geraubte, Nikolai-Soldaten und „Mizwoth" (zu jenen Zeiten übergaben die Gemeinden in Rußland diejenigen jungen Leute, die sich den Gesetzen der Moral fügten, dem Militär, indem man sagte: es ist eine „Mizwah", daß jene dienen sollen!). Um die kulturelle Stufe der' finnischen Juden richtig zu erkennen, müssen wir zu den Städten des jüdischen Ansiedlungsrayons zurückkehren und die düstere Zeit in der jüdischen Geschichte der ersten fünfzig Jahre des 19. Jahrhunderts betrachten. Wer diente damals im Heer? Wen raubte man und übergab man der Regierung? Oder wer war so dreist, es zu übernehmen ein „Engel" zu sein („Engel" wurden diejenigen genannt, die man mietete, an Stelle andere* zu dienen)? Doch nur Kinder von Armen und Witwen oder Waisen, die ohne Erziehung und Unterricht sich selbst überlassen waren und die weder einen Beschützer und Retter in der Not noch genug Lösegeld hatten, um sich zu befreien ... oder aber Taugenichtse und Hergelaufene, die es für Geld übernahmen, an Stelle jener „seidenen Bürschchen" und Söhne der Reichen sich mustern zu lassen, um später zu verschwinden. Doch nicht immer gelanges zu entrinnen, denn wenn nicht sie und ihresgleichen, gäbe es heute keine jüdische Bevölkerung in Finnland. Aehnlich ihrem kulturellen Zustand war auch der ökonomische. Die Beschränkungen, die man ihnen im Handel auferlegte, erlaubten ihnen nicht, sich mit denjenigen Handelszweigen zu beschäftigen, die sie ruhig an ihrem Wohnsitze und in ihren Läden ernährt hätten; sie waren vielmehr gezwungen sich auf dem Marktplatze einzurichten oder in den Straßen der Stadt mit einem Kasten zu hausieren, den sie angebunden vor sich her trugen. Auf dem Markt war ihnen zudem nur der Handel mit alten Kleidern und Schuhen gestattet, richtiger gesagt mit Lumpen, und in ihrem Kasten durften sich wiederum nur gewisse Artikel befinden wie Zigaretten, Zündhölzer, Stricknadeln und ähnliches. Durch diese Beschränkungen, nämlich dadurch, daß alle Juden genötigt waren sich mit An- und Verkauf von alten Kleidern zu befassen und dies nur auf dem Marktplatz, entstand der bekannte Judenmarkt, oder wie er bei den finnischen Juden hieß der „Narynek" (vom russischen Wort Rynok- Markt). Dieser Markt war die Unterhaltsquelle für die Juden der drei erwähnten