Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Juden in Finnland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 705 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben 705 Lande eine auch nur geringe jüdische Bevölkerung gegeben, so würde die Regierung nicht* ihre jüdischen Soldaten dorthin geschickt haben zu einer Zeit, da sie solch ein heiliges Ziel vor sich hatte , , . Im Jahr 185S befanden sich in Heisingfors etwa „zwei Minjan" Juden, so erzählte mir einer der ältesten Leute im Lande, ein Jude, der als zwangseingezogener Soldat („Geraubter") hier gedient hatte, — die Hälfte dieser Juden diente im Heer, die andere Hälfte waren Mllltärentiassene, Unter den ersteren war auch ein Schochet, auf dessen Schechita die ganze Gemeinde angewiesen war; es gab damals in Helsingfors keinen einzigen im Lande geborenen Juden von den alten Einwohnern. Die ältesten in Finnland geborenen Juden sind jetzt 60—65 Jahre alt, sie sind die Söhne jüdischer Soldaten aus Rußland, die hier gedient hatten. Ein Teil der Soldaten, die ihren Dienst abgeleistet hatten, blieben im Lande, und mit ihnen beginnt die jüdische Kolonie In Finnland, Bis 1858 war ihre Zahl sehr gering; in diesem Jahr wurde ein Gesetz erlassen, wonach den militärentlassenen russischen Soldaten samt ihren Familien erlaubt wurde im Lande zu bleiben, und dadurch erhielten auch die Kinder , der jüdischen Soldaten das Wohnrecht in Finnland. Die jüdische Siedlung in Finnland entwickelte sich rasch im Verhältnis zur Schwere der Einwanderungsbeschränkungen. Nach der amtlichen Zählung vom Ende des Jahres 1890 (31 Jahre nach dem Gesetz von 1858, dem faktischen Beginn der jüdischen An- Siedlung) befanden sich in Finnland 1018 Juden; in Helsingfors 372 Männer und 270 Frauen; in Wiborg 220 Männer und 41 Frauen; in Abo 74 Männer und 40 Frauen und noch ein Jude in einer Kreisstadt» 29 Jahre nach dieser Zählung, im Jahr 1919 verzeichnet die Zählung ungefähr 1500 Juden, davon 1468 (286 Familien) in den drei früher er* wähnten Städten, in denen eben der Aufenthalt schon nach den alten Gesetzen erlaubt war. Nach Zahl und Geschlecht verteilen sie sich wie folgt: Helsingfors 473 Männer und 506 Frauen, Wiborg 142 Männer und 136 Frauen, Abo 118 Männer und 93 Frauen, Von allen Juden sind im Lande geboren 1097 (74,7°/o\ailsRufilandg6l)iirtig 351 (23,9%)» aus anderen Ländern 20 (1,4 °/o)- Aus den vorgebrachten Zahlen kann man ersehen, daß die Einwanderung nach Finnlaud (das Wort Einwanderung paßt hier nicht ganz) nach jenen Gesetzen stattfand, die man auch bei anderen Immigrationsländern findet, nämüch daß die meisten Einwanderer Männer sind. Die erste Zählung weist — bei der geringen Gesamtzahl der Juden — lusii Ueberschuß an Männern von 316 auf. *ie zweite und letzte Zählung zeigt, daß -«üiehr die jüdische Bevölkerung eine rmale Zusammensetzung aufweist mit an- L.A-nd gleicher Anzahl von Männern und Frauen (Ueberschuß von nur 2 Frauen). Das Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist 0,05%, d. i, ein Jude auf 2000 Nichtjuden (Finnland hat etwa drei Millionen Einwohner). Fast hundert Jahre beschäftigte sich der finnische Senat mit der Judenfrage, ohne ihre Lösung zu finden» Der örtliche Antisemismus war auch stark genug, und seine Vertreter bildeten die Mehrzahl im Parlament und stimmten stets gegen die Juden. Die beiden Regierungen — die finnische und russische —, die bis zum 6. Dezember 1917 maßgebend waren, erschwerten eine jede ihrerseits die Lage der Juden, und die Rechtsbeschränkungen der letzteren waren umso zahlreicher, als beide Regierungen einander darin ergänzten. Es gelang den bedeutendsten Vertretern der finnischen Intelligenz — wie Runeberg, Estlander, Lil u. a,, die auf unserer Seite standen, nicht, die Lage der Juden zu verbessern, und . ihre Stimme blieb ohne Widerhall. Dagegen verstanden es die Antisemiten stets, die Juden in den Augen der Regierung und des Volkes herabzusetzen, und die Ergebnisse ihrer Propaganda waren neue Beschränkungen und Verbote, das eine Mal das religiöse Leben betreffend, wie das Schächtverbot und ähnliches, das andere Mal das wirtschaftliche, wie die Beschränkungen im Handel und dergleichen mehr. In Finnland wurden die Juden nicht so sehr verfolgt wie beispielsweise in Rumänien, aber auch hier wurden ihre Menschenrechte in weitem Umfang beschränkt, besonders auf dem, Gebiet der Freizügigkeit und des Handels. Die finnischen Behörden verhängten oft mutwillig das Schächtverbot, und nur mit größer Mühe gelang es, dieses aufzuheben. Wiederholt reichten finnischen Juden Petitionen um Gleichberechtigung beim Senat ein, und manchmal wurden ihre Bitten auch von Abgeordneten, besonders Sozialisten unterstützt, immer jedoch wurden sie mit den Stimmen der überwiegenden reaktionären Mehrheit zurückgewiesen, die sich durch ihre Judenfeindschaft auszeichnete. (An dieser Stelle ist die Petition des berühmten schwedisch-finnischen Schriftstellers Runeberg und des Historikers Estiander zu erwähnen, die Bürgerrechte für die Juden forderte und mit 26 gegen 6 Stimmen abgelehnt wurde). Viel bemühte sich für die Sache seiner unterdrückten Brüder der eifrige Politiker,Rechtsanwalt und Senator Jakobson, der im Laufe vieler Jabre nicht aufgehört hat, in Broschüren und Flugschriften für ihr mißachtetes Recht vor der finnischen ©Öffentlichkeit einzutreten, mitunter nicht ohne Erfolg. Im Jahre. 1909 erkannte das finnische Abgeordnetenhaus mit Stimmenmehrheit den Grundsatz der Erwünschtheit einer schnellem Lösung der Judenfrage an und nahm den Antrag an, den Juden die Möglichkeit eines ständigen Wohnsitzes im Lande zu geben (bis dahin mußten sie ihre Aufent-