Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 703 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau: Kolonisation 703 sammensetzung des Menschenmaterials zü treffen. Die Schwierigkeit in der Durchführung der Arbeit wuchs von Tag zu Tag. Der Ausschuß, der sich um die Organisierung der Wirtschaft für 5679 bemühte, hatte sich mit den schwersten Fragen herumzuschlagen. Aber gerade während er in Merchawjah tagte, geschah das historische Ereignis, das auch den Dingen in iÄerchawjah ein neues Gesicht gab, die Besetzung Galiläas durch das britische Heer. Nachdem die Scheidewand zwischen Galiäa und Judäa gefallen war, war wieder die Möglichkeit gegeben, mit der zionistischen Zentralleitung in Beziehung zu treten; und auf diesen Augenblick allein hatten auch die Mitglieder der Siedlungsgenossenschaft gehofft. Denn als sie beschlossen hatten, die Kräfte, die für das nächste Jahr in Betracht kamen, zu zählen und zu prüfen, erwies sich der größte Teil der Arbeiter als fieberkrank. Es war von vornherein klar, daß die Wirtschaft zusammenbrechen müßte unter der Last der Ausgaben für medizinische Hilfe. Als die Vertreter des Palästina-Amtes von Jaffa kamen und man über die Einrichtung der Arbeit für das Jahr 5679 zu verhandeln begann, da offenbarte sich der Riß zwischen den Ledigen und den Familienvätern in seiner ganzen Tragik. Die Ledigen erklärten, daß unter so schlechten Bedingungen es nur einen Weg gebe, in der Wirtschaft nur die allergeeignetsten Männer zu belassen und so weit wie möglich nur Ledige. Die Familienväter argumentierten: nach einer Arbeit von 7 allerschwersten Jahren gebe es für sie keinen anderen Ort als ihr Merchawjah. Die Frage des Wohin, die wie ein Ultimatum vor den Arbeitern stand und eine augenblickliche Antwort erheischte, beschleunigte den endgiltigen Zerfall der Genossenschaft. Mit einem Augenblick veränderte sich das Aussehen des Ortes; bis jetzt hatte er das Ansehen einer Siedlung, deren Bewohner sich um die Zukunft ihrer Familien kümmern, jetzt glich er einem verlassenen gottverfluchten Ort, an dem sich ratlose Menschen herumdrückten. Auf den Gesichtern einzig die Frage des Wohin. In einem dieser furchtbaren Augenblicke sagte mir einer der besten und ausdauerndsten Arbeiter des Landes: „Schau, in der Kolonie, die von Merchawjah nur zwei Stunden entfernt ist, ist das Menschenmaterial ausgesprochen schlecht, das Gemeinschaftsleben ist voller Dreck und Sumpf, und trotzdem ist sie nicht zu einem solchen Zusammenbruch wie Merchawjah gekommen. Sie ist eine Kolonie mit einem arbeitenden und sich entwickelnden Jischuw. Und dieses Merchawjah, in dem treue und brave Jungen und fleißige Arbeiter geschafft und einen großen Teil ihres Lebens hineingesteckt haben, dieses Merchawjah mußte eine solche unermeßliche Katastrophe erleben. Muß das nicht einen auf schwere Gedanken über unsere ganze Siedlungsarbeit bringen?" An diesem Tage hörte die Siedlungsgenossenschaft auf zu existieren. Die Wirtschaft übernahm für die Dauer eines Jahres eine Kwuzah von Ledigen, bei der auch zwei Familien waren, meistens aus früheren Mit-. arbeitern bestehend; auch nur, um einen kleinen Teil von dem Boden der Wirtschaft zu bearbeiten und die Gartenpflanzungen zu pflegen, d. h. nur um das Bestehende zu wahren, bis über die endgültige "Form des künftigen Merchawjah entschieden würde. Drei Familien blieben in Merchawjah außerhalb der Wirtschaft der Kwuzah, die übrigen Arbeiter verließen es. Ein Teil von ihnen ging nach Tyra (einer ^kleinen deutschen Kolonie, die auf 3 Jahre in Pacht genommen wurde) "und wurde dort der Grundstock einer Kwuzah, ein anderer Teil auf den Karmel, als die erste Aufforstungskwuzah dort. Einige verschrieben sich dem jüdischen Wanderschicksal und die übrigen verstreuten sich nach allen Ecken des Landes und nahmen mit sich ihren Kummer und ihre Sehnsucht. So ging in Merchawjah ein Abschnitt aus dem Leben des Jischuw zu Ende. Die Geschichte der kleinen Siedlung an diesem Orte ist nur wenigen bekannt. Die meisten wissen nur, das Merchawjah viel Geld verloren hat. Als ich im Cheschwan 5679 einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Kooperative geschrieben habe, kürz nachdem sie auseinandergefallen war, habe ich nur Tatsachen berichtet und mir nicht erlaubt, Schlußfolgerungen zu ziehen, da ich unter dem unmittelbaren Einfluß der Geschehnisse stand. Jetzt, nachdem ein paar Jahre seither vorüber sind, glaube ich, über das Problem Merchawjah mit mehr Objektivität urteilen zu können und will versuchen, die richtigen Schlußfolgerungen aus der Geschichte dieser Siedlung zu ziehen. 1. Die ganze Arbeit während der ganzen Zeit des Bestehens der Siedlungsgenossenschaft zeigt, daß sie ihre Aufgabe als Eroberungskwuzah stets erfüllt hat. 2. Die Defizite während der ersten Jahre waren durch die Minderwertigkeit des Bodens bedingt. 3. Diese hätten geringer sein können, wenn nicht die Arbeit in so vielen Betriebszweigen zugleich begonnen worden wäre. 4. Nach einigen Jahren Vorbereitungsarbeit (Pflügen, Düngen) wurden die Erträge immer größer und der Betrieb hätte vollkommen ohne Defizit arbeiten können. 5. Die Defizite während der vier Kriegsjahre waren durch die außergewöhnlichen Zeiten bedingt. Die Kriegsjahre waren mehr Frondienst für das türkische Heer, als freies Leben nach Programm, Prinzip und Tradition der Genossenschaft. 6. Die schwere Last, die die Siedlungsgenossenschaft so zu tragen hatte, wurde noch erschwert durch die notwendig gewordene Unterstützung von einzelnen Bauern, die sich unter dem Namen Kolonie Msr