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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 702

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah
Date
1921-01-01
Page
702 (sequence 9)
Language
German
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702 Umschau: Kolonisation Erkenntnis der schweren Kriegslage und dem Gefühl, daß sie ihre Pflicht bis zum Schluß erfüllen müssen. — Diese ungelösten Fragen der Lage der Familie und der Leitung bedeuteten eine große Gefahr für den Fortbestand der Genossenschaft. Die Fragen bohrten weiter in den Köpfen, und als der Vorschlag gemacht wurde, neue Chawerim aufzunehmen, meinte die Mehrzahl unserer Chawerim, daß wir erst für uns den richtigen Weg finden müßten und erst dann aus den Arbeitern, die in der Wirtschaft eine Zeitlang gearbeitet hätten, welche kooptieren könnten. Ich muß bemerken, daß auch auf seiten der Arbeiter im allgemeinen nicht die Absicht bestand, in die Kooperative einzutreten, um sich an ihr mit vollem Herzen zu beteiligen. Die Prinzipien der zentralen Leitung und der Entlohnung der Arbeiten nach ihrem Wert blieben den meisten Arbeitern der Kwuzoth im Lande fremd, trotz der Logik dieser Prinzipien. Wie wir auch die Ursachen erklären mögen, die Tatsache, daß im Lauf vieler Jahre hintereinander die Zahl der Mitglieder der Kooperative nicht wuchs, bezeugt die ernsten Schwierigkeiten der Entwicklungsmöglichkeiten der Genossenschaft. Während des Kriegs insbesondre erwies sie sich als äußerst schädlich für den Bestand der Kooperative. In der Wirtschaft waren regelmäßig 4o Arbeiter beschäftigt, von denen nur 18 offizielle Mitglieder waren. Tatsächlich hatten freilich die wirklichen Mitglieder nicht mehr Vorteile, als die anderen Chawerim. Unter diesen Arbeitern waren zweifellos Leute mit großem Verantwortlichkeitsgefühl, also durchaus zu Mitgliedern geeignet, und wir setzten uns auch mit ihren Anschauungen im einzelnen auseinander. Trotzdem wurden, wie erwähnt, keine offiziellen Wahlen vorgenommen, weil ein klares Programm für die Verwirklichung der Bestrebungen der Siedlungsgenossenschaft fehlte. Die Arbeiter, die nicht als offizielle Mitglieder betrachtet wurden, verstanden diese Lage und rechneten mit ihr. In gemeinsamen Angelegenheiten vereinigten sich ihre Vertreter mit uns und den Vertretern der Kolonie Merchawjah zu gemeinschaftlicher Beratung. Dieser Zustand konnte sich nicht jahrelang hinziehen. Da er aber wider unseren Willen sehr lange dauerte, brachte er nicht wenig Unerfreuliches zu Tage. Uns, den Mitgliedern der Siedlungsgenossenschaft, war klar, daß aus der Zahl der Arbeiter, die nicht offizielle Chawerim waren, wir nur einzelne wählen konnten, und daß wir die übrigen Arbeiter nicht als Chawerim annehmen konnten, da sie nicht den grundlegenden Prinzipien der Kooperative zustimmten. Da wir nun befürchteten, daß Kooptation Einzelner während der Kriegsjahre zu Erbitterung, Eifersucht und Unzufriedenheit führen müßten, verzichteten wir auf Kooptation.. Ich drückte dieses Bedenken In einem Brief an Herrn Dyk a-.:s, mit dem ich über Merchawjah stets in einem lebhaften Meinungsaustausch stand, und auch Herr Dyk hielt unser. Verfahren für den gegenwärtigen Augenblick für richtig, und betonte im Zusammenhang damit wiederum die Notwendigkeit der Verselbständigung der Familien, der zentralen Leitung, der Entlohnung der Arbeit nach ihrem Wert und entsprechende Gewinnverteilung. Da wir aber Über alle grundlegenden Fragen unseres Gemeinschaftslebens in völliger Verwirrung waren, war unser Bestand als kooperative Genossenschaft gefährdet. Von den anderen Kwuzoth, die im Lande bestanden, konnten wir nichts lernen, da auch diese wenigen Kwuzoth sich mit den Fragen der Familien und der Leitung herumschlugen, und auch sie keinen Weg zur Lösung hatten. Der tägliche Daseinskampf wurde immer schwerer und wir hatten keine Zeit mehr, in Ruhe über die Frage unseres Daseins nachzudenken. Es war uns klar, daß wir organisatorischer und materieller Hilfe von außen bedurften, und daß, wenn diese Hilfe nicht jetzt gebracht würde, die Genossenschaft notwendig auseinanderfallen müßte. Und noch etwas war uns klar: daß wir nämlich mit tausend Fäden unseres Herzens an Merchawjah geknüpft waren. Welche Formen unsere Arbeit auch immer annehmen sollte, die Arbeiter waren entschlossen da zu bleiben und ihr Leben mit dem Boden, den sie bearbeitet und behütet hatten, zu verknüpfen. Das war unser Wille, der Wille der Arbeiter. Aber das war nicht der Wille des grausamen Schicksals. Alles frühere Unglück war nichts im Vergleich mit den Schlägen, die uns 5678 trafen. Merchawjah verwandelte sich zu einem Krankenhaus im vollen Sinne des Wortes. Wie wir schon oben bemerkten, erkrankten durchschnittlich 20% der Arbeiter. Arbeiterfamilien waren ununterbrochen während des ganzen Sommers krank. Auch die Männer, die arbeiteten, gingen größtenteils wie Schatten umher. Die Scheunenarbeiten zogen sich bis November 1918 hin, obgleich wir Hilfskräfte hinzugezogen hatten, denn das Fieber verschonte niemanden. Herr Dr. Joffe kennzeichnet das Fieber von Merchawjah in dieser Zeit mit folgenden Worten: „Offenbar entwickelten sich im Blute der Bewohner der Kolonie besondere Arten von Malaria-Bazillen, die in besonderem Maße geeignet waren, den Wirkungen des Chinins zu wiederstehen". Dieser traurige Gesundheitszustand drückte den Geist der Arbeiter vollkommen nieder. Verzweiflung ergriff fast alle und unter ihrem Einfluß wuchsen die Reibungen. Die Mitglieder der Kooperative gedachten trotzdem die Arbeit 5679 fortzusetzen, bis es möglich sei, sich über den Aufbau Merchawjahs mit einem Vertreter der Siedlungsgesellschaft zu beraten. Um die Fortführung der Arbeit zu ermöglichen, wurde den ältesten Arbeltern in Galiläa die Ermächtigung erteilt, einige notwendige Entscheidungen betreffs der Zu-

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