Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 704 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau: Berichte von jüdischem Leben chawjah angesiedelt und bis zum Kriegsausbruch ihre Existenz noch nicht genügend sicher begründet hatten. 7. Die schlechten Gesundheitsbedingungen des Ortes störten die Entwicklung in unermeßlicher Weise und sie versetzten der Siedlungsgenossenschaft den letzten Schlag. 8. Die Kräfte wurden so im Kampf mit den widerstehenden äußeren Verhältnissen verbraucht, anstatt zu schöpferischer Arbeit für den Aufbau kooperativen Lebens verwandt zu werden, 9. Die Theorien, die unter den landwirtschaftlichen Arbeitern in Palästina herrschten und heute noch herrschen, stehen im Widerspruch zu dem Grundprinzip der Oppenheimerschen kooperativen Theorie, die besagt, daß die Arbeit zentral geleitet und riäoh ihrem Werte bezahlt werden muß. Diese allgemeine Stimmung unter den Arbeitern war für die Entwicklung der Kooperative äußerst hinderlich, 10. Nach den Bilanzen hat der Betrieb von Merchawjah allerdings viel Geld verloren, aber in Wirklichkeit ist der Wert, der hineingesteckt wurde, nicht verloren, denn der Boden ist im Vergleich zu seinem Zustand bei Uebernahme durch die Genossenschaft bedeutend verbessert worden. An dem Auseinanderfallen der Kooperative war nicht die materielle Lage schuld, sondern die Tatsache, daß die Kräfte der Mitglieder Jahre hindurch bis zum völligen Aufgebrauchtsein geschwächt wurden, ohne daß neue Kräfte aus der Arbeiterschaft Palästinas der Genossenschaft zur Hilfe gekommen wären. Wenn wir uns fragen, was war die Arbelt der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah während der acht Jahre ihres Bestehens, so können wir darauf mit folgenden wenigen Worten antworten: es war ein Schwimmen gegen den Strom, ein unaufhörlicher Kampf mit Hindernissen ohne Ende. Und wenn wir weiter fragen, warum ist dieser Versuch nicht gelungen, wie man ja bei uns zu fragen gewohnt ist, dann erwidern wir hierauf mit den Worten Oppenheimers, die schon vor Eintritt der Katastrophe ausgesprochen wurden: „Zu meinem Bedauern unternahm ich den schweren Versuch mit drei unbekannten Faktoren: der Theorie, dem Land und dem Arbeiter. Ich habe in klaren Worten gesagt, daß der Erfolg unter diesen Bedingungen nicht sicher erscheint. Und ich kann es jetzt aussprechen, wenn der Versuch nicht gelungen ist, so liegt das nicht an der Form der Genossenschaft, sondern an der Minderwertigkeit des Bodens und vielleicht auch an gewissen arideren Umständen, die mit dem Wesen des Problems nichts zu tun haben." Josef Rabinowitz BERICHTE VON JÜDISCHEM LEBEN Die Juden in Finnland I, Ejne in ihrer Art besondere finnische Judenheit von einem bestimmten Gepräge wie die russische, englische oder auch nur * die skandinavische, die sich durch ihre Besonderheiten und Nuancen auszeichnen würde, gibt es nicht, und es besteht auch keine Hoffnung, daß eine solche Judenheit mit einer ihr allein eigenen Färbung sich entwickelt Deshalb kann man nicht von einer finnischen Judenheit als von einem ganzen, jedem Auge sichtbaren Gebilde sprechen, sondern bloß von finnischen Juden. Wenn auch diese Judenheit als eine solche sich durch nichts Besonderes auszeichnet, so zeichnen sich die Juden des Landes durch ihre schwere Vergangenheit aus und durch die Widerwärtigkeiten ihres Lebensweges, auf dem sie zu der Lage ge- . langt sind, in der sie sich heute befinden. Von ihrer Vergangenheit und Gegenwart zu reden ist heute meine Absicht. Die Anfänge der Ansiedlung der Juden in Finnland sind nicht genau zu ermitteln; jedenfalls gehören sie einer sehr späten Zeit an. Der älteste Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Helsingfors stammt aus dem Jahr 1838, in Abo aus 1853. Bis 1809, dem Jahr, in welchem Finnland aus der schwedischen Herrschaft in die russische kam, galten dort noch die alten schwedischen Gesetze, welche den Juden die Einwanderung in die Gebiete des Reiches verboten und ihnen nur in drei Städten zu wohnen erlaubten: Stockholm, Gotenburg und Nortsping. Wenn auch Judengesetze schon existierten, so ist es dennoch sehr zweifelhaft, ob eine Jjüdische Bevölkerung in Finnland wirklich vorhanden war, ehe es zu Rußland kam. Wohl hielten sich auch vorher noch einige Juden hier und dort auf (es gibt einige nichtjüdische Familien im Lande, die ihre Abstammung von Juden ableiten), doch sie verloren sich allmählich innerhalb der Landesbevölkerung und ihre Nachkommen zählen nicht mehr zur jetzigen Judenschaft. Hätte es schon in der schwedischen Zeit eine jüdische Siedlung in Finnland gegeben, wie wäre es möglich, daß kein einziger Grabstein oder ein anderes Wahrzeichen ihrer Existenz auf uns überkommen wäre? Es ist eher anzunehmen, daß die jüdische Ansiedlung mit dem Jahr 1827 beginnt, dem Jahr, in dem ein allgemeines Wehrpflichtgesetz für die russischen Juden herauskam. In Finnland fand die russische Regierung* ein günstiges Milieu für die Durchsetzung ihrer Absichten den jüdischen Soldaten gegenüber: sie von ihrer Religion zu entfernen und womöglich der griechischorthodoxen Kirche zuzuführen. Hätte es im