Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 701 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau: Kolonisation 701 versprachen ebenfalls eine gute Einnahme in ihrer günstigen Entwicklung. Auch die äußeren Lebensbedingungen hatten sich zum guten geändert. Galiläa war durch das britische Heer besetzt worden und so eröffneten sich günstige Horizonte. Aber das Leben hat seine eigenen ehernen Gesetze. Gerade als wir an der Schwelle der allgemeinen Befreiung Palästinas standen, zerbröckelte unsere Genossenschaft, flog erbarmungslos auseinander, trotz der großen Opfer, die gebracht worden waren, und trotz des starken Bandes, das die Arbeiter mit Merchawjah verknüpfte. Um dieses Rätsel zu verstehen, müssen wir das gesellschaftliche Leben der Genossenschaft in den Jahren 5675—78, den Jahren der selbständigen Arbeit betrachten. Wie erwähnt, standen die grundlegenden Fragen unserer Genossenschaft, wie die Erhaltung der Familien und die Leitung des Betriebs, bereits am Anfang in aller Schärfe auf der Tagesordnung. Aber die Oppenheimersche Theorie hatte unter den Arbeitern Merchawjahs treue Anhänger, obgleich die Arbeiterschaft Palästinas ihr sonst in einer blinden Gegnerschaft gegenüberstand. Doch erkannte die Arbeiterschaft Merchawjahs, wie sie auch in Briefen an Dr. Oppenheimer zum Ausdruck brachte, sehr wohl die Schwierigkeiten, die einmal in der Zusammensetzung der aus den~~ verschiedensten Ländern und Ständen zusammengekommenen Gemeinschaft, dann aber auch in dem Mangel jenes kooperativen Geistes, dem das Eigentum der Gemeinschaft so teuer ist wie das eigene, beschlossen liegen. Die Erkenntnis der Schwierigkeiten brachte aber nicht ihre Lösung. Dies , vor allem in der Frage der Familie. Die Zahl der Familien wuchs von Jahr zu Jahr und damit auch die inneren Reibungen. Die Wirtschaft war, ihrem ganzen Aufbau nach, nicht auf Familien eingerichtet. Es gab keine hinreichenden Wohnungen, keinen Platz für Hausgärten oder zum Halten von Hausgeflügel. Die Familie mußte sich allein von dem Arbeitslohn des Familienvaters ernähren. Und weil die wirtschaftliche Lage im allgemeinen im Laufe des Krieges immer schlechter wurde, wurde die Lage der Familien ganz besonders schlecht. Als in einer Versammlung der Chawerim der Vorschlag auf die Tagesordnung gesetzt wurde, den Lohn der Familienväter im Hinblick auf die drückende Teuerung zu erhöhen, fiel der Vorschlag durch das weite Ueberwiegen der ledigen Chawerim durch, die prinzipiell den Standpunkt vertraten, der Lohn dürfe nur nach dem Werte der geleisteten Arbeit festgesetzt werden. Jeder Versuch der verheirateten Arbeiter, eine kleine Hauswirtschaft zu entwickeln, mißlang, well die Voraussetzungen dafür fehlten. Infolge der engen Raumverhältnisse kam die kleine Hauswirtschaft mit der großen und mit denen der anderen Chawerim in Konflikt. Sehr oft kam es auf diesem Boden zu Reibungen, die oft eine unerfreuliche Stärke erreichten, und zu Debatten ohne Ende in den Versammlungen der Chawerim führten. Die überaus schlechte materielle Lage der Familienväter begünstigte Krankheiten und dadurch Verzweiflung, brachte Eifersucht und Zwietracht zwischen die Familien, was auch schlecht auf die Stimmung der Arbeiter insgesamt wirkte. Gleichzeitig mit dieser Schwierigkeit fraß noch ein anderer Wurm am Bestand unserer Genossenschaft. Das war die Frage der Leitung der Wirtschaft und damit zusammenhängend die Frage des inneren Gehorsams. Herr Dyk hatte vom ersten Tage seiner Arbeit stets wiederholt, daß die Wirtschaft von einem Zentralpunkte aus geleitet werden müßte. Damals waren unsere Leute beeinflußt von den Systemen, die in den anderen Kwuzoth im Lande herrschend waren. In diesen Kwuzoth wurde die Arbelt geleitet von den Vollversammlungen der Chawerim, die häufig zur Besprechung der laufenden Fragen der Arbeit zusammenkamen. Herr Dyk aber betrachtete das Prinzip der zentralen Leitung als grundlegend und tadelte daher in einer allgemeinen Versammlung vom 26. September 1912 den mangelnden, inneren Gehorsam der Chawerim. Ein großer gemischter Betrieb könne nur unter straffer fachmännischer Leitung gedeihen, von Mal zu Mal neugewählte Männer seien den Forderungen eines so schwierigen Organismus nicht gewachsen. In der ersten allgemeinen Versammlung der autonomen Epoche obsiegte trotz ernster Meinungsverschiedenheiten das Prinzip der zentralen Leitung. Die Arbeit lag nunmehr in den Händen eines gewählten Ausschusses. Die allgemeine Versammlung der Chawerim hatte das Recht der Kritik und der Abänderung seiner Beschlüsse. Nach Ablauf von 2 Jahren schwerer und wirkungsreicher Arbeit begann gegen die Mitglieder des Waad eine scharfe Kritik, wie sie bisher noch nicht dagewesen war. In einer der allgemeinen Versammlungen argumentierte ein Chawer folgendermaßen: »Wir haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, von allen Dingen zu wissen und über sie zu entscheiden. Beschlüsse des Waad wurden in Wirklichkeit umgesetzt, die im geheimen gefaßt wurden, ohne daß wir eine Ahnung davon hatten. Eine allgemeine Verbitterung herrscht gegen den Waad und wir müssen jetzt erkennen, daß für alles die gesamte Siedlungsgenossenschaft zuständig ist". In diesem Augenblick war es bereits klar, daß die Genossenschaft die zentrale Leitung nicht mehr haben wollte. Einer der Chawerim drückte diesen Willen in folgenden Worten ■ aus: „Alles Positive muß von der Vollversammlung beschlossen werden, der Ausschuß kann nur Vorschläge machen, kann aber nichts aus eigener Kraft tun". Seit dieser Zeit setzten die Mitglieder des Waad ihre Arbeit nur gezwungen fort in der