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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 699

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah
Date
1921-01-01
Page
699 (sequence 6)
Language
German
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Umschau: Kolonisation 699 die Kühe litten daher unter dem Mangel des gewohnten, vorzüglichen Futters (Kürbis) und gaben weniger und schlechtere Milch. Unsere Bemühungen, Gewinne zu erzielen, wurden aber gänzlich zunichte gemacht durch die Kriegsleistungen, die uns auferlegt wurden: 1. die zahlreichen Viehstellungen, gerade während der Saatzeit, verhinderten eine genügende und rechtzeitige Bestellung, wovon bekanntlich der Erfolg eines landwirtschaftlichen Betriebes abhängt; 2. die Getreide- Requisitionen ließen uns auch nicht ein Korn zum freien Verkauf; so bekamen wir kein Geld herein und mußten wiederum vom Palästina-Amt Vorschüsse nehmen. Auf das Budget des Betriebs wirkte auch ein Faktor ein, der für die Wirtschaft einer Siedlungsgenossenschaft charakteristisch ist: die übergroße Zahl von Personen, die von ihr verpflegt werden mußten. Es ist eine Tatsache, daß die Genossenschaft von den Erträgnissen der Kriegsjahre 5675—77 so gut wie nichts außer nach Merchawjah selber verkauft hat. Nach den Ausfällen durch die Requisitionen mußte man alles übrige Getreide für die Verpflegung der Ortsbewohner zurückbehalten. Während ein Betrieb wie Daganiah z. B. für die Verpflegung seiner Arbeiter nur. eine Quantität, die für 35 Personen nötig war, zurückbehalten mußte, mußten wir dies für eine vier- und fünffache Anzahl von Personen. Nach dem Arbeitsprogramm mußte man 46 Arbeiter dauernd beschäftigen* (darunter 6 Mädchen, die die Wirtschaft für die ledigen Arbeiter führten, ein Rechnungsführer, eine Samariterin, ein Lehrer), Aber während in den übrigen Kwuzoth in weit überwiegender Zahl Unverheiratete beschäftigt waren, arbeiteten in Merchawjah etwa 15 Familien. So kam die Zahl der Bewohner der Siedlung auf 120, und mit Einschluß der Saisonarbeiter auf durchschnittlich 140. Außerdem mußte der Betrieb noch andere Leute aufnehmen, da ein Teil seiner ständigen Arbeiter mehrere Monate hintereinander in der Eisenbahnstation Afuleh als Ersatz für Kriegsdienst arbeiten mußten. Die wirtschaftliche Aufgabe des Betriebs war also viel umfassender, als sich aus der gewöhnlichen Aufstellung der Lohnzahlungen zu ergeben scheint. Größere Summen erforderten in diesem Jahre auch die Sicherungsmaßnahmen gegen Typhus und Cholera, die in die benachbarten arabischen Dörfern hauptsächlich von den türkischen Truppen eingeschleppt worden waren. Auch die Hilfeleistung, die wir den Arabern in treunachbarlicher Weise besonders während der Erntezeit brachten, verursachte einige Kosten. Die hohe Zahl der Krankheitstage (bisweilen 10% der gesamten Arbeitstage) machte sich nicht sowohl im Budget, als vielmehr in der ganzen niedergedrückten Stimmung der Arbeiter bemerkbar. Das Jahr 5677. Trotz -alledem war es notwendig, die Arbeit mit verdoppelter Kraft fortzusetzen. Die Perspektiven waren schlecht. Der Betrieb trat an die Arbeit des kommenden Jahres mit einem laufenden Kapital von 18372.35 Frs,, dem Wert des am Ende 5676 aufgespeicherten Getreides, so daß also der größte Teil des Budgets nicht gedeckt war. Dem Betrieb drohte so ein sehr großer Geldverlast, da er sich ein Darlehen in türkischen Noten genommen hatte und diese jetzt im Kurse sehr höh standen. Aber es war kein anderer Ausweg da. Dr. Ruppins Aufforderung, den Betrieb einzuschränken, durften wir nicht n-axmkommen, da sich das türkische Heer auf unserem Boden und in unseren Bauten eingenistet hatte und wir ihm gegenüher den Besitz im vollen Umfange wahren und verteidigen mußten. Die Bestellung selbst war schon durch die vielen Zwangsarbelten für das türkische Heer („Suchrah") äußerst behindert worden, kam aber durch die Fürsorgetätigkeitfür unsere aus Judäa vertriebenen Brüder ganz ins Hintertreffen. Neue Arbeit gab es dann wieder durch die zahlreichen Verwundeten von der türkischen Südfront, die in gänzlich verwahrlostem Zustand ankamen und in unserer Nähe untergebracht wurden. Sie beteiligten sich auch vielfach an den Felddiebstählen. Bei der Verteidigung unseres Besitzes fiel einer unserer besten Chawerim, Jochanan Resnik. All dies hatte seine Auswirkung im Budget. Wir kamen auf ein Defizit von 11113,29 Frs. dazu ein Kursverlust von 28896,79 Frs. Gerade diesen,*hätten wir vermeiden können, wenn uns die Türken etwas von unserem Getreide hätten verkaufen lassen. Der besonders schlechte Gesundheitszustand (die Malaria nahm uns fast den achten Teil unserer Arbeitszeit weg) und das Ausbleiben des Spätregens machten das Jahr 5677 zu einem, nicht nur durch ein ungünstiges Budget kenntlichen, schlechten Jahr. Das Jahr 5678. Während all dieser endlosen Leiden mußte man für die Bestellung der Felder für 5678 sorgen. Und mitten in diese Vorbereitung, die mit dem Aufwand der letzten Kräfte gemacht wurden, kamen neue Schläge: Die Verfolgung des Jischuw und damit im Zusammenhang das Heranrücken der Front. Wochen hintereinander wurden infolge der Haussuchungen und Verhaftungen ohne Arbelt vorbracht und schließlich wurde unsere Siedlung zu einer Station für Militärflieger. Manchmal waren wir sogar nahe daran, ganz hinausgesetzt zu werden. Aber man hatte offenbar vom Himmel aus Erbarmen mit uns und so wurde uns erlaubt, dazubleiben und die Arbeit fortzusetzen, mit gewissen Beschränkungen selbstverständlich. Ich will über dieses Jahr nicht viel Worte machen, da es in der Darstellung, die die Abteilung für •Landwirtschaft und Ansiedlung in ihrem Bericht von den allgemeinen Zuständen in diesem Jahre gibt, hinreichend geschildert 45*

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