Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in der Siedlungsgenossenschaft von Merchawjah
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 696 (sequence 3)
- Language
- German
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696 Umschau: Kolonisation beschäftigen. Die Chawerim beharrten aber auf ihrer Meinung, daß die Frage der Beschäftigung nichtjüdischer Arbeiter für uns nicht existiere. Sommerfrucht, wie Kicher- und Sesam, müsse man mit Drillmaschinen säen und dann mit Kultivatoren -setzen. Da nun noch für Handarbeit in einem gewissen Ausmaße Raum sei, müsse man begrenzte Flächen mit Sesam bepflanzen, um die Ausgaben gut zu balancieren. Da aber die Entscheidung in der Hand des Leiters lag, wurden viele Flächen mit Sommerfrucht bepflanzt. In einem Jahr wurde eine Fläche von 1000 Dunam Sesam gepflanzt, was zu einem Verluste von mehreren Tausend Francs führte, nach den Ziffern, die auf Grund der Wirtschaftsbücher aufgestellt wurden; das ergibt auf jeden Hektar Sesam 91 Frs Verlust. Hierüber schreibt Herr J. Wilkanski in seinem Buche „Baderech" folgendes: „Im Emek Jes- . reel könnte der Sesam unter den Sommerfrüchten die erste Stelle einnehmen und trotzdem können die Bedingungen der Verwaltung, der Arbeit, der Bodenverschlechterung Rückschritte bewirken, die die Natur, welche das Land Geschlechter hindurch gehabt hat, verändern und gerade einen Saatenwechsel mit Brache erfordern, wie man sie in der Nähe von Kinereth und anderen Orten, an denen der Sesam und andere Hackfrüchte nicht gedeihen, einzuhalten pflegt/* Die Molkerei: Auch die Molkerei hatte von Anfang an viel zu kämpfen. Sie war eine der wichtigsten Zweige unserer Wirtschaft, da sie den so nötigen Dung liefern sollte, während durch einen vernünftigen Saatenwechsel dauernd Futtergetreide für sie gesichert werden sollte. Aber die Molkerei bekam gleich bei ihrer Begründung einen sehr großen Umfang. Das Vieh war ein fremder Schlag (Libanonisches). Dieser Schlag, der an vorzügliches Futter und an sehr günstiges Klima gewöhnt war, mußte sich erst an die viel schlechteren Lebensbedingungen anpassen. In den ersten Jahren litten die Kühe unter Fieber, was auf die Milch und auch auf die natürliche Fortpflanzung von schlechtem Einfluß war. Im Jahre 674 starben ungefähr 15 diesjährige Kälber. Nehmen wir noch die lokalen Umstände in Rechnung, das Fehlen veterinärer Hilfe, den gänzlichen Mangel an Schutz gegen die Epidemien, die das arabische Vieh häufig helmsuchten, verstehen wir, das von Anfang an Verluste vorauszusehen waren. Der Verlust am Kapital allein — ohne die Amortisation an den Bauten und die übrigen allgemeinen Ausgaben der Kolonie — kam Iro Jahr 5673 auf 3387 Frs und im Jahr 5677, einem Jahre, wo das Futter getreide, daß wir selber zogen, zu minimalem Preise gerechnet - wurde, auf eine Summe von 1667 Frs. Summieren wir die Defizite der drei Jahre 1912—1914, bekommen wir ein Defizit von 112413,47 Frs. In diese Summen sind aber eingerechnet die Ausgaben der Vorbereitungszeit in der Höhe von 17253,46 Frs, die kein Verlust, sondern Ausgaben zur Urbarmachung des Bodens sind. Selbstverständlich kann man auch nicht einer Wirtschaft, die nur ihre Arbeiter ernähren muß, die Kosten administrativer Verwaltung berechnen, die im Lauf dieser drei Jahre auf die Summe von 27 589,86 Frs kamen. Nach diesen Abzügen erhalten wir ein Defizit von 67571,15 Frs, d. h. im Durchschnitt 22523 Frs aufs Jahr. Die Ursachen dieses Verlustes sind genügend bekannt. Zu den technischen Ursachen des übermäßigen Anbaus von Sommergetreide, das zuviel Handarbeit erforderte, und den natürlichen Ursachen der Verschlechterung des Bodens durch unsere arabischen Vorgänger, kommen noch andere hinzu, die wir hier verzeichnen müssen. Unsere Abgelegenhelt: Die Gründung von Merchawjah selber erregte eine gewaltige Gegnerschaft von Seiten der Judenfeinde in Haifa. Der Redakteur der Zeitung „Karmel" und sein Anhang leiteten in den benachbarten Dörfern eine antijüdische Propaganda ein, und die Folgen davon waren ständige Ueberfälle und Anschuldigungen gegen uns bei der Regierung. Den materiellen Verlust dieser Ueberfälle kann man schwer in Ziffern ausdrücken. Kleine Schädigungen — Verwüstungen von Feldern — gehörten zu den alltäglichen Dingen, die aber zu großen Summen wurden. Besonders zeichnete sich das Jahr 5673 an Ueberfällen aus. Zu Beginn des Sommers überfielen die benachbarten Dörfer ein Weizenfeld, das gerade abgeerntet werden, sollte und vernichteten es vollkommen. Als Opfer der Ueberfälle in dieser Zeit fiel auf dem Felde von Merchawjah einer der besten Schomrim im Lande, M e i r Chasanowitsch. Zu den Schäden, die sich nach behördlichen Feststellungen auf 1875 Frs., tatsächlich aber viel höher beliefen, kamen noch Drangsalierungen seitens der türkischen Regierungsstelle von Nazareth. Da wir nämlich, größtenteils nicht türkische Staatsangehörige, nicht in der Nähe der Hedschasbahn wohnen durften, mußten -wir von Zeit zu Zelt entweder fast alle das Gut verlassen, oder durch finanzielle Leistungen unsere einfache Daseinsberechtigung erkaufen. Die oben verzeichneten großen Steuerlasten von Merchawjah sind in Wirklichkeit nur ein Drittel der für diese Zwecke ausgegebenen Beträge. Auch die Gesundheitsbedingungen haben großen Anteil an den Verlusten. Die Araber hatten uns erzählt, daß in Kfar Fulah (der arabische Name für Merchawjah) keine Kinder gedeihen. Ihre Erzählungen waren uns damals nicht verständlich. Wir begriffen sie aber im Laufe der Zeit. Fieber wurde eine ständige Gewohnheit und außerdem litt man unter der schlimmen Hitze. Verdauungskrankheiten nahmen die zweite Stelle ein. Fälle von Unterleibstyphus wurden als etwas