Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jesus von Nazareth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 690 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Eduard Strauß: den Herrn und sein ewiges Volk. Seine Rede ist: „Es ist euch gesagt -— ich aber sage euc h". Damit erhebt er sich über alle Propheten: sein „Wahrlich, ich sage euch" ist endgültig und abschließend. Der es sagt,, ist A und O, Anfang und Ende: gerade diesem Bewußtsein, der Herr des Endes zu sein, enttaucht übermächtig das Ich; es ist der Ausdruck schlechthin und es ist Siegel. Aus allen Reden des Jesus von Nazareth tönt es und übertönt das Wir des Einen Volkes. Es beherrscht die Bergpredigt; es stellt sein Wort vor das Wort: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen". „Gewaltig und nicht, wie die Schriftgelehrten" spricht Jesus — anders auch betet er. Das Ich unserer Psalmen bleibt immer in der Gemeinde Gottes: „Wir preisen Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit". Der aber beten lehrt „Vater im Himmel" und selber „Mein Vater" betet, entschreitet unserer Gemeinde und „geht in seinKämmerlein". Was Jesus von Nazareth war und ist, wurde er nicht durch etwas, das man als Lehre oder Begriff oder Gesetz von seiner Person ablösen könnte er wurde es aus sich selbst, einzig durch sein „Ich", daß er dem jüdischen „Wir" mit dem gleichen Anspruch der Ewigkeit gegenübergestellt hat; daß er aus dem Bunde Gottes mit uns in einen Ein'zelbund trat, das bezeichnet ihn und die Seinen für alle Zeiten. Jesus hat den Rechtsstreit „Ich gegen Wir" vor Gott gebracht und ihn durch und zu Ende geführt. Als sein eigener ewiger Sachwalter hat er ihn für sich entschieden durch den Spruch: „Niemand kommt zürn Vater» denn durch mich". Daß er sich aber zu solchem Spruche beglaubigt wußte, hat er mit den Worten verkündet: „Alles ward mir übergeben von meinem Vater und niemand erk^fint den Sohn außer der Vater, noch erkennt den Vater jemandaußer der Sohn und dem es der Sohn will offenbaren". Niemals wird der Jude diese Rechtsbelehrung verstehen; er wendet sich ab und zurück in sein Eigen, in dem kein eingeborener Sohn zwischen uns und unserem Vater steht. Für die Heiden, um der Völker willen, ward das Wort Fleisch; gegen die Juden, gelöst von dem Einen Volk, nannte und bekannte Einer sich selbst; er schloß einen neuen Bund und sprach: „Wer überall nun sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem will auch ich mich bekennen vor meinem Vater". Ein Satz, der in drei Worten das enthält, was in alle Ewigkeit christliches Bekenntnis heißen wird, möge diese Betrachtung zu Ende führen. Jesus von Nazareth ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben". Dadurch, daß einer den Bund des Einen Volkes mit Gott durchbricht, kommt das dem Juden ins Blut gesenkte Wort der Offenbarung in die Freiheit der Welt. Die Wahrheit wird von nun an statt der Wahrheit, die wir leben, eine solche, die ein Ich bekennt, indem es an jenes erste leibhaftige Leben glaubt und sich mit ihm eint: nur indem es daran glaubt, bleibt sie Wahrheit und Wort der Offenbarung. Dem Glauben an Etwas, sei es Wort oder Person,