Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jesus von Nazareth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 691 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jesus von Nazareth tritt aber immer der Zweifel an Etwas gegenüber: die Wahrheit wird relativ, sie verfällt fortan dem Kampf, der um alle Ketzerei tobt. Und er ist das Leben: er verbürgt das ewige Leben der Seele, die ihn erleben muß; vor diesem Erlebnis an sich gilt sonst nichts mehr im Leben des Menschen. Der Mensch, der dem lebendigen Wort begegnen will, muß aus dem Wirrsal seines heidnischen Daseins heraus den Weg zu ihm finden, damit er sich auf der großen Heerstraße der Völker zum Heil mit ihm vereine. Dieser Weg wird aber jedem Einzelnen durch nichts anderes gewiesen, als durch jenes eine Leben selbst, in dem alle Offenbarung restlos aufgegangen ist und sich vollkommen erfüllt hat und das gerade deshalb das Leben des Erlösers ist. Erleben und Nachleben des Jesuslebens ist der christliche Weg vom Geschöpf zum Erlösten. Vor dem Hohepriester Kaiphas steht Jesus von Nazareth und bekennt sich als den Sohn Gottes, er, wie jener, Mensch von Fleisch und Blut. „Da zerriß der Hohepriester seine Kleider." Niemals wird der Christ verstehen, warum in diesem Augenblick der Hohepriester das Zeichen der höchsten Todestrauer und Verzweiflung vollzog, das der Jude vollziehen kann: vor dem Unfaßlichen solchen Gottmenschlichkeitsanspruchs ist es geschehen; die große Auseinandersetzung hat begonnen. Die Wege trennen sich, drei Schicksale heben an: das Schicksal des Wortes Gottes, das Schicksal der Seele des Menschen, das Schicksal des Reiches der Welt; sie erfüllen die christliche Weltgeschichte. Das Leben des Jesus von Nazareth aber wird mit der ganzen Fülle jetzt erst möglichen Erlebens vereinigt; es yvird zum Gralsgefäß, in dem der Lebenswein des Christenmenschen leuchtet und schäumt. Die ewige Wegführung setzt ein, und die Scheidung der Gestalten von Jude und Christ wird sichtbar in einem Menschen und einem Ereignis. "Die Offenbarung gelangt an die unberührte Menschlichkeit des Heiden; durch Einen, der sie in ihrer neuen Gestalt katastrophisch erlebt hat, bricht sie im Sturm aufweckend über die Völker der Erde. Dieser Andere übersetzt das Wort für die Heiden, denn er setzt es gänzlich aus dem Jüdischen heraus. Er ist Jude, wie Jesus von Nazareth, Er hört auf, es zu sein und wendet sich zu den Völkern; nicht unser ewiges Leben vermag er ihnen zu bringen, denn es überträgt sich nicht durch Kunde und Sendbrief: die Botschaft vom ewigen Leben eines Einzigen hat Paulus in die Zeiten gerufen.