Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 689

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Jesus von Nazareth
Date
1921-01-01
Page
689 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101187-3107459--5594-3107514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jesus von Nazareth 689. auch besitzen. Aber neu ist es, wie Jesus von sich selber spricht und wie er sich, den „Menschensohn", mit der Lehre verknüpft. Nicht auf das, was er lehrt, sondern auf das, was er ist, kommt es an. Das weiß er selber, da er spricht: „bin ich doch allezeit bei Euch gesessen und habe gelehrt itn Tempel und ihr habt mich nicht ergriffen!" Nicht um seiner Lehre willen also ist er ergriffen worden. Warum denn? Sein bloßes Dasein allein mußte eine Bestimmung tragen, die unerhört war. Und das ist in der Tat der Fall gewesen. Johannes hatte von dem Reich gepredigt, das nahe herbeigekommen sei — vom Reich, das gekommen ist, spricht Jesus von Nazareth. Er läßt unter der Gleichnishülle seiner Worte keinen Zweifel darüber, daß er der sei, der dieses Reich herbeiführe. Die Endzeit naht heran; die Wunder, die Jesus tut, sollen nicht lediglich seine Macht bewähren: sie sind selber schon „Zeichen der Zeit", himmlische Segenspenden. Jesus ist mehr, als ein bloßer Wundertäter: er ist „der sitzen wird zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels"; er ist, verheißen von den Propheten, das Reis aus Isais Stamm, dem der königliche Name des Messias gebührt, und der Gottesknecht, der „viel leiden muß und verworfen wird von den Aeltesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet wird". Nicht, um dort zu lehren oder Wunder zu tun, sondern weil der Mensch dort sterben soll, auf daß der Auferstandene, Verklärte erscheine, geht Jesus nach Jerusalem. Jesajanische Verheißung und Danielvision ballt er für diese seine Weltstunde und Wirklichkeit in seinem Menschtum zusammen; in seiner Gewißheit lebt das Geheimnis des Erlösers: Er, der irdische Mensch in dieser Welt, ist zugleich der himmlische Mensch, der Messias, dessen Reich „nicht von dieser Welt" sein kann; das ist das Unerhörte seiner Selbstbezeugung. Johannes war nur Vorläufer: geheimnisvoll und nur 7>für den, der Ohren hat, zu hören" fassbar, nennt ihn Jesus den Elias. Wohl hat Jesus die Erlösung zunächst nicht anders gedacht, als in Raum und Zeit seiner jüdischen Wirklichkeit; er sagt es ausdrücklich, daß er zu den verlorenen Schafen Israels gesandt sei, und er verbietet seinen Jüngern, die Straße der Heiden zu gehen; Heidenmission liegt noch fern. Jesus gründet seine Kirche, das ist: das Reich der Endzeit, auf Simon Petrus, den Jünger, der in Jerusalem verbleibt; Petrus war der erste Mensch, der ihm den Messiasnamen gegeben hatte; dafür wird ihm die Machtvollkommenheit, zu lösen, und zu binden, wenn nun das Wunder sich vollzieht und das Reich der Himmel anbricht. Mögen auch alle diese Erwartungen und Bestimmungen noch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bleiben: die Wesenskündung dieses Einen, seine Worte — nicht Wundertaten und nicht Schreie von Besessenen — offenbaren eine Trennung, die ins Letzte geht.. Indem Jesus „das Wort ergreift", dringt er mit ihm in das engst Verbundene und schneidet das ewig Zusammengewachsene an. Denn er tritt zwischen Gott und den Menschen, zwischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.