Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jesus von Nazareth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 688 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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688 Eduard Strauß: Person schon durch den Christusnamen selbst ein Begriff geworden ist. Doch das ist erst das Zweite, Spätere, das, wenn auch mit Notwendigkeit, - Abgeleitete. Der unbedingte Ursprung ist er, dessen Dasein in Zeit und Raum im lebendigen Christenmenschen zu seiner Stunde und an seinem Ort wieder Wirklichkeit wird. Wir sprechen vom Dasein des Jesus von Nazareth nicht in der gläubigen Haltung des Christen, für den das Gelebthaben dieses Einen mit seiner Glaubensbedeutung verschmilzt: wir sprechen davon als Juden, wir sehen es von außen. Unsere Betrachtung hat aber auch nicht die wissenschaftliche, quellenkritische Haltung, wie sie die Leben- Jesu-Forschung der protestantischen Theologie einnimmt: auch sie ist ein Draußenstehen, aber des Christen selbst. Sie würde uns zu einem Umhersuchen in endlosen Tatsächlichkeiten zwingen; zu einer Sinndeutung kämen wir durch sie nicht. Wir wollen solches Bemühen denjenigen überlassen, die es trotz ihres Christentums oder vielleicht wegen ihres Christentums für nötig halten. Für uns setzt hier keine Frage ein. Für uns lebte einer, ein Jude, der aus uns heraus und gerade deshalb ewig gegen uns Schicksal geworden ist. Von dieser schlichten Tatsache gehen wir aus; wir haben nur festzustellen, daß wir sind und daß es so ist — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ungefähr im 3760ten Jahre der Welt, um das Jahr 760 nach der Gründung der Stadt Rom, wurde Jesus von Nazareth geboren; mit 33 Jahren ist er eines gewaltsamen Todes gestorben. Das sind die äußeren Tatsachen seines Lebens, denen sich zwei innere Tatsachen zuordnen: er ward von Johannes im Wasser des Jordan getauft; er saß kurz vor seinem Tode mit seinen Jüngern beim Abendmahle des Pesachfestes zusammen und gab diesem Mahle eine eigene Weihe. Sein Leben verlief, soviel wir davon wissen, ohne Ereignis oder Erlebnis bis zu den Monaten, in denen es jäh und erschütternd endete. Die Berichte von Geburt und Tod, von Taufe und Abendmahl gewinnen ihren Wert als Heilsberichte des Christentums, und die Ereignisse selber erhalten ihren besonderen christlichen Sinn, nämlich: daß „das Wort Fleisch ward", durch die Aussagen des Jesus von Nazareth, durch die er sich selbst zugleich schafft und offenbart. Ich betone ausdrücklich: Taufe und Abendmahl sind bei ihrem Vollzug an und durch Jesus bereits sakramentale Ereignisse von voller, wohl schon vorher bekannter, nun aber auf diese eine Person konzentrierter Wirklichkeit und keineswegs etwa nur Symbole von. blasser Geistigkeit. Diese Akte, die Errettung und Heiligung für die Endzeit gewährten, hat Jesus vollkommen in sein persönliches Leben hineingenommen und ihre Wirkung zur höchsten Höhe aufgipfeln lassen. In den Kundgebungen der Evangelien, der vier Bücher der christlichen Heilsbotschaft, finden wir im wesentlichen keine Lehre des Jesus von Nazareth, die nicht die Rabbinen der Zeit, der Talmud und unsere heiligen Quellen