Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jesus von Nazareth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 687 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jesus von Nazareth 687 muß es in seine Art „eingefleischt", es muß geboren werden, leben und sterben und immer von neuem erlebt und erstorben werden können. Daß in einem Einzigen das Wort leibhaftig geworden sei, „auf daß erfüllet würden die Worte der Propheten", meldet der christliche Bericht. Er deutet die Verheißungen und kündet, daß sie um der Völker willen eingetroffen sind: „denen, die in der Finsternis wandeln, erscheint ein helles Licht". In dem Satze am Anfang des Johannesevangeliums: „Das Wort ward Fleisch" ist das Entscheidende ausgesprochen. Darauf kommt es für den Heiden an, daß die Offenbarung Gestalt von Fleisch und Blut annehme, um zu ihm gelangen zu können. Mensch und zugleich mehr als Mensch muß das offenbare Wort werden; es muß vor Allem stehen, muß Hauptsache und Ur-sache sein: dann wird es vernommen, dann vermag es mit mensch- . licher Hand und menschlichem Spruch das Tor des Geheimnisses zu entriegeln. „Im Anfang war dasJWort" heißt es deshalb zu allererst und nicht : „im Anfang schuf Gott". Das Wort als Urerstes in Gott ist vor der Schöpfung. Was den Völkern der Welt frömmle, das ward in einem Menschendasein ganz und gar Ereignis. Es ist nicht so, daß sich aus einer Philosophie heraus nachträglich Glaubenssätze „entwickelt" haben, wie man wohl sagt. Daß Eigenschaften Gottes abgelöst, selbständig wurden, daß sie selber zu Personen gestaltet werden konnten, das war allenfalls Vorbereitung und Autbereitung des Offenbarungsstoffes. Von Persien her, dem einzigen Lande der heidnischen Welt, das einen echten Propheten besaß, kannte man das göttliche Gefolge des Ahura Mazda; im Logos des Philo hat die versuchte Verschmelzung griechischen Denkens mit jüdischem Oflenbarungbesitz den dem Heidentum gemäßen Aufbereitungsprozeß geradezu noch fermentativ beschleunigt. Der Glaube an Mittlerwesen und an die Vergottungsfähigkeit des Menschen War vorhanden, wie eben solche Philosopheme als gespenstige Gebilde vorhanden zu sein pflegen: der Gedanke wartete. Und er würde bis zum jüngsten Tage gewartet haben und wäre verschollen: er würde nicht einmal in den Träumen der Menschheit wiederkehren, wenn nicht der gelebt hätte, der fern von all jenem Denkwerk durch 'sein Leben der Mann des Schicksals gewesen ist. Aus seiner Wirklichkeit erst gewann das alles den lebendigen Sinn, den es noch hat. Er hat mehr getan, als ein Philosoph — und wäre er der theologischste — je erdenken konnte. Wer war der, der sich in das Wort wandelte? Ein Jude: Jesus von Nazareth. Er hat gelebt. Das kann nicht bezweifelt werden. Lassen wir dieses „Er hat gelebt" als erste Tatsache unserer Betrachtung einfach auf sich beruhen. Zwischen dem Satz „Jesus von Nazareth hat gelebt" und einem anderen Satz, der uns den Haltepunkt am Ende geben wird, dem Worte der Gegenwart: „der Christ lebt", schwebt aufgespannt die Kette, deren Glieder wir betrachten. Er hat gelebt, das bleibt bestehen, trotzdemaus seiner lebendigen