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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 685

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Nationalismus
Date
1921-01-01
Page
685 (sequence 12)
Language
German
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Nationalismus 685 diesen Zeiten des Uebergangs, wo der neue Glaube sich erst unfaßbar und undeutbar ankündet, droht noch viele Wildheit und Verwirrung, Unsicherheit und Verzweiflung. In dieser Wirrnis zu leben, ist Aufgabe der heutigen Menschen. Eine Zeit der Ungewißheit, des Um- und Anbruches erzeugt eine Generation, die sich die Empfindlichkeit der Jtigend für Krisen bewahrt hat, die ihr Leben im Ungewissen und in der Heimlosigkeit autbaut, die des Um- und Anbruches noch fähig ist. Die Menschen von heute fühlen sich jünger als Menschen sonst: schicksalsschwangerer, an Möglichkeiten weiter, um den Preis, daß sie an Verwirklichung ärmer sind. Die Genügsamkeit und das verständige Sichabfinden scheint ihnen fremd, der Nihilismus lauert als ihre Gefahr. Die Sehnsucht der Zeit vor dem Kriege nach Glauben, nach Gemeinschaft und Aufschwung hatte sie die Wirklichkeit übersehen lassen, hatte ihre Bewußheit verdunkelt, hatte ihr Gewissen nicht geschärft. Sie erwarteten eine neue Zeit und erkannten nicht, daß es ihre Bestimmung war, mit einer sterbenden Zeit zu leben, einer Zukunft entgegen, die sie erst streifen wird. Der einheitliche Sinn alles Geschehens, der Mythos der Zeit ist verloren. Den kläglichen Zusammenbruch des Glaubensprinzips, seiner Losungen und Scheinwerte durfte diese Generation erleben; er hat sie zu einsamen Suchern gemacht. Jeder sieht sich in seiner gesteigerten Sensibilität allein, jeder weiß sich zu schwach zu helfen, zu tun; jeder ist ernüchtert, blutet innerlich aus unheilbaren Wunden. Jedes gemeinsame Ziel scheint geschwunden, das Chaos hereingebrochen. Verstärkt bei uns Juden. Unsere Spannungen sind stärker, unsere Empfindsamkeit größer, unsere Heimlosigkeit tiefer als die der andern. Das Volk der Krisen seit jeher, spüren wir sie als Mitgerissene und als Sturmkünder doppelt denn die übrigen. Versprengt unter alle Welt, tragen wir die Leiden der ganzen Menschheit. Jahrtausende gesteigerter sittlicher Sensibilität sind in uns wirksam, wo andere der noch nicht lange verschüttete Kern unbewußten Bauerntums bewahrt. Wir, die seit Jahrhunderten nicht mehr in Gegenwart, sondern nur in Vergangenheit und Zukunft leben, bluten aus Wunden zugleich, die bei andern schon geheilt, oder noch nicht aufgebrochen sind. In dieser. Wirrheit der Zeit gilt es, grausam bewußt zu sein. Eine neue Aufklärung wird einsetzen. Auch sie hat Nietzsche in seinen im Dämmerlichte vielgesichtigen Uebergangsdeutungen eingeleitet. Eine gewisse Traurigkeit, aber eine kriegerische Traurigkeit, eine Demut, aber voll gefaßter Haltung ziemt vor dem Dämonischen des überindividuellen Zeitenschicksals. Eine strenge Zucht voll Mißtrauens unsern Affekten und Trieben gegenüber ist in voller Freiheit des Gewissens nötig. Der Erbe in unserer Zeit der besten Traditionen Europas, Romain Rolland, un<i zugleich der Dichter des entgegengesetzten Voraussetzungen entstammenden Romans „Das Heim und die Welt" sind aus völlig verschiedenen Kreisen zu ähnlicher Haltung

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