Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationalismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 684 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101187-3107458--5587-3107509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
•684 Hans Kohn: streben; nur die seelische Not trieb: was der"einsamste, alleinzige Mensch einer Rasse auf weiter Insel empfindet und leidet und sehnt, ist die nationale Frage. Mit unerbittlichem Schnitte wird hier alles Politische, Staatliche, Wirtschaftliche losgelöst. Nur die „Frage, die wir in uns selbst finden, in uns selbst klären und in uns selbst entscheiden müssen," gilt. Und dieses Persönlichste kennt keinen Gegensatz mehr zum Menschlichen; die Würde, die sittliche Größe einer Nation ist unabhängig von dem Spiele der Interessengegensätze, von dem eitlen Wahn der politischen Unabhängigkeit. Der Nationalismus greift hier nach den Sternen. Er erlöst die Welt, und eine Welterlösung gibt es nur auf dem Wege des Selbst-Opfers. Die ungeheuerste grandioseste Erlösungsdichtung, die jemals menschlichem Hirne und Herzen entsprang, der jüdische Gedanke von dem Gottesknecht, vom „Ebed Jahwe" wird hier in dem „heute noch unaussprechlichen menschlichen Weltgefühl" eines modernen Juden nachgeahnt. In dieser Bewegung liegt eine Erhöhung und eine Auflösung zugleich. Sie konnte das Ende nicht aufhalten. Die Bartholomäusnacht der nationalen Unabhängigkeitspolitik begann, und sie ist noch nicht zu Ende. Ihren unsinnigsten Konsequenzen gegenüber ersinnt man Palliativmittel, wie nationale Minderheitsrechte. Man beginnt langsam einzusehen, daß Volk und Staat verschieden sind und daß das Volk in seinen Lebensäußerungen, in seiner Kultur und seiner Entwicklung geschützt werden muß auch ohne nationale Unabhängigkeit, ohne Nationalstaat. Man hat das Prinzip des Nationalstaates durch seine Anwendung ad absurdum geführt. Man hat wirtschaftlich lebensunfähige, einander stets bedrohende Kleinstaaten geschaffen und so den National-Krieg und den Nationalstaatenwahn verlängert, bis die Menschheit, seiner überdrüssig, ihm ebenso verständnislos gegenüberstehen wird wie Religionskriegen und Hexenprozessen. Die Solidarität der Menschen wird sie in immer größere Staatenbünde zusammenfassen, die den Gemeinschaften und Gruppen, Bünden und Gemeinden in. ihrem Rahmen immer größere Freiheiten werden geben können. Das Nationalgefühl, vom territorialen Staatsbegriff losgelöst, bereichert und vertieft durch die Epoche, da es der tragende Glaube war, wird das Schicksal der Menschen durch die Macht der Traditionen des Blutes mitbestimmen, wird ihre Seelen schauern lassen vor der dunklen Verbundenheit mit vergangenen Kräften, wird ihrem Denken die Innigkeit tiefen Erlebens verleihen. Die gemeinsame Abstammung und ähnliche Mentalität der Gruppen und Bünde wird in ihnen eigenen Formen und Inhalten der Kunst und Lebensdeutung, in ihnen besonderen Gestaltungen der Lebensführung und sozialen Einrichtung zur Geltung kommen. Gleiche Träume und Ahnungen, die aus den Tiefen des Blutes aufsteigen, werden sie in ihren stillen Stunden magisch umstricken, gleiche Stellung zu allen Problemen und gleiche Erwiderung auf das Andringen der Umwelt sie nahe verbinden und immer einander suchen lassen. Aber der Mythos des Nationalismus als letztes ordnendes Prinzip der Geschichte ist tot und in