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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 686

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Nationalismus
Date
1921-01-01
Page
686 (sequence 13)
Language
German
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IRI
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686 Eduard Strauß: gelangt. An die Stelle der mit Territorial- und Wirtschaftspolitik verbundenen Nation und ihrer Zwangsgebilde wird die Freiheit und persönliche Verantwortlichkeit des nationalen Traditions- und Lebenszusämmenhanges treten. Statt der Suggestion des nationalen Glaubens, der alles erlaubt macht und entschuldigt, wird auch über die Aeußerungen nationalen Lebens der allgemeine Maßstab und das Gefühl der Solidarität herrschen, das heute über die Aeußerungen des individuellen Lebens bereits Macht gewonnen hat. Der Nationalismus wird dann aufhören, ein tötliches Rauschgift oder ein heuchlerischer Deckjnantel zu sein, in einem neuen Tage der Menschheit, dessen erste Dämmerungslichter wir eben zu gewahren glauben, wird er der Einzelnen Leben liebender und verbundener, reicher und freier gestalten, der Menschen Innigstes und Verborgenstes zugleich. EDUARD STRAUSS / JESUS VON NAZARETH*) Im noch verschlossenen Sein, vor allem offenbarenden Wort, ruht das stumme Wesen der alten Welt, der Mensch des Anfangs: der Heide. Tag und Nacht, Zeit und Raum umhüllen ihn; er ist in sie eingebettet wie das schlafende Kind. Das Meer des Geheimnisses umwallt sein Leben, wie der Ozean seine bewohnte Erde umgrenzt. Zugleich aber lebt, den Völkern verborgen und unvernehmbar, das Eine Volk; es ist nicht bloß geworden, nicht einfach „da", sondern es ist Geschöpf, denn ihm ward Offenbarung. Durch sie trägt es die Zeichen aller kommenden Vollendung. In seinem Blute kreist das Wort; es ist seines Lebens Gestalt und Gehalt. Aber es bleibt gänzlich innerhalb dieser einen jüdischen Wirklichkeit und scheidet sie ab: um den Juden her ist Wüste. Immer vernimmt er allein in seinem Dasein das Wort als seine Wahrheit; es dringt nicht über ihn hinaus. Nur ihm erklang es als Namensruf: Höre, Israel! Deshalb hat nur er es verstanden, deshalb kann es einzig ihm erb- und eigentümlich bleiben, was es ist: Wahrheit. Wie der Samenkern im Fruchtfleisch eingebettet liegt, so liegen jüdischschweigende und heidnisch-stumme Welt ineinander. So war es, da, christlich gesprochen, „die Zeit erfüllet ward" und das Wort an die Heiden erging. Dem Heiden kann das Wort der Offenbarung nur so nahekommen und verständlich werden, wie ein Mensch dem Menschen in Ich und Du nahekommt. Es ist ja nicht sein Wort und lebt nicht in ihm, wie es im Leben des Einen Volkes ruht, in dessen heiligem Samen es ewige Dauer hat. Aber das Worf gilt für den Heiden; soll es ihm gebracht werden, so *) Die erste Stunde einer Vorlesung über das Christentum, die Eduard Strauß an dem von Franz Rosenzweig begründeten und geleiteten Freien Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt a, M,, einer vorbildlichen Anstalt, gehalten hat. (Anm. d; Red.).

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