Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationalismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 683 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalismus 683 Fast überall kann man um den Beginn des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts diese Reformation des Nationalismus feststellen. Es ist das- Gefühl neuen, mächtigen, verbundenen Lebens, die Sicherheit in Tradition zu stehen, und doch von noch völlig neuen Winden gestreift zu werden, die Sehnsucht nach einem neuen starken Glauben, was alle diese Bewegungen zusammenhält.*) Zugleich wird bewußt eine ethische Verankerung des Nationalismus gesucht; man knüpft an seine idealistische Frühzeit, an Fichte und die französische Revolution an; man hebt ihn aus seiner Enge in weltweites Licht, man sucht ihn aus der Verstrickung in das Reich des Seins in die moralische Ebene des Sollens zu verlegen, aus der Gegenwart in die Zukunft; man leiht ihm messianische Farben. Der Nationalismus wird eine Frage der persönlichen Sittlichkeit, der persönlichen Lebensgestaltung; er wird fragwürdig; neue Probleme stellen sich ihm, Nahes wird ferngerückt, Sicheres zweifelhaft und aus der Weite und zugleich aus den Tiefen der Einsamkeit sucht man Ungewisses zu deuten. In Deutschland ist dies die Zeit der freideutschen Bewegung, des Jugend-Tages auf dem Hohen Meißner; in Frankreich die Charles Peguys der so scharf zwischen der mystique und -der politique eines Glaubens zu unterscheiden wußte und für die mystique des Nationalismus gegen seine politique kämpfte; die der Jugend, der das letzte Buch Jean Christophes gewidmet ist; es ist ein Patriotismus „avec caractere universaliste; il aime la France particulierement en tant que repandant sur le monde les id6es qu'il aime, en tant qu'illuminant l'Univers". **) Man spürt überall die Verzweiflung der glaubens-, der mythoslosen Zeit, die Müdigkeit des Endes, abej man will sich ihnen entreißen, ein neuer Sang der Lebensbejahung und starken Mutes soll anheben. Das einzigartige Genie Nietzsches, das einsam wie eine Riesengestalt den Untergang einer Glaubensepoche-tiberschattet, ist der Vater dieses verzweifelten Wagemuts, dieser unendlichen Hoffnung auf einen neuen Himmel. Ein Lyrismus, ebenfalls das Erbe Nietzsches, kennzeichnet diese Bewegung, ist ihre Gefahr; die grausame Bewußtheit, die gerade damals nötig gewesen wäre, fehlte ihr. Unter den Juden war es Martin Buber, der dieser Bewegung Ausdruck und Form verlieh. Mit der tiefen Bewußtheit und der schmerzlichen Lösgelöstheit des Juden kam sie hier mächtiger und klarer zum Ausdruck. Jüdische Glut und messianische Verantwortung erfüllten den Begriff des Nationalismus. Dem „offiziellen" Nationalismus wurde hier ein „unterirdischer" gegenübergestellt, wie Peguy die mystique und politique sonderte. Der jüdische Nationalismus wurde vor den Richterthron der moralischen Worte, der Ewigkeit gestellt; als Glied der Welterlösung fand er seine Berechtigung. Er war hier nicht Deckmantel für Staatsbedürfnisse und Kollektivmacht- *) S. mein Vorwort zu dem diese Tendenzen im jungen Judentum manifestierenden Sammelbuch „Vom Judentum". **) Einleitung zu Gaston Riou: „Aux ecoutes de la France qui vient". Paris 1913. p. 21. 44*