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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 682

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Nationalismus
Date
1921-01-01
Page
682 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Hans Kohn: Krieg wird dann ebenso unmöglich erscheinen, wie heute der religiöse Far tismus der Bartholomäusnacht, oder wie die Blutrache-Kämpfe innerhalb dr Volkes. Die heiligen Rechte der Nation, von deren Vorhandensein auf ihrer Seite immer beide Parteien überzeugt sind, werden ebenso unverständlich sein, wie uns heute die Krieg und Mord erzeugende Erregung über die Interpretation eines Bibelwortes oder die Form des Kreuzeszeichens. Heute üben nationale Scheinwerte ihre Suggestion noch aus, wie es früher religiöse taten; die Zeit wird kommen, da die „nationale souveräne Unabhängigkeit", die Zielsetzung der Zeit des politischen Nationalismus hinschwinden wird vor der Erkenntnis, daß, wie die Einzelindividuen niemals völlig souverän sind, sondern tausenderlei Abhängigkeiten und Verpflichtungen haben, und der Solidarität halber auch Beschränkungen und zeitweilige Unterdrückungen hinnehmen müssen, so auch die nationale Unabhängigkeit, die Nichteinmischung des „Fremden* in „unsere* Angelegenheiten ein gefährliches Phantom ist, das unter der Suggestion des Mythos des 19. Jahrhunderts ein Glaubensartikel geworden ist, begeistert und seelenvoll und innig wie jeder zu Beginn, bis durch die Verbindung mit Politik und Gewalt und Rechten er immer leerer und tötlicher wurde. Aber bevor er noch vor den Augen aller sich seiner letzten schmückenden Hüllen entkleidete, ward ihm noch eine eigenartige Erhöhung und Reinigung gewährt, eine zweite Jugend, nicht mehr mit dem verzehrend stürmischen Feuer der ersten, aber voll der Süße und Wehmut, die Erfahrung und Weisheit und Ahnung des Endes gibt. In dieser neuen Stufe ward auch der künftige Weg, der neue geläuterte urmenschliche Wert des Nationalen angekündigt, seine Loslösung von der Politik, von der Suggestion und seine Hebung in Klarheit* Er beherrscht nicht mehr das Leben der Menschen als tragender Glaube, der über jeder moralischen Wertung steht, weil er fundamentaler ist Er entringt sich dem naiven, in sich beschränkten und durch Suggestion unbewußt verlogenen und heuchlerischen Egoismus des heiligen Glaubens. Er unterwirft sich den moralischen Gesetzen, den ewigen Wertungen; er wagt es, sich selbst in letzter Klarheit ins Auge zu sehen und damit seine Gerechtigkeit und seine Wahrheit über Trug des Augenblicks und Interesse der Selbstsucht zu retten» _ Eine ähnliche Vertiefung und Verinnerlichung, Reinigung und Gährung hatte auch die Zeit des religiösen Mythos in Europa vor ihrem Ende gekannt, und diese Beseelung hatte das Ewige in der Religion, aller Zeitzutaten entkleidet hervorleuchten lassen und für die Zukunft erhalten. Vor und mit dem Dreißigjährigen Krieg lebt das Feuer der Reformation (von dem der spätere Luther, der ängstliche Fürstenknecht, am wenigsten berührt ist) die Wiedertäufer und die böhmischen Brüder, Pascal und die *Jansenisten, Die Aehnlichkeiten sind greifbar: der „ungeheuer ansteigende Lebensdrang" in einer Zeit, da das Alte noch unerschütterlich mächtig scheint, speist sich bereits aus neuen Quellen.

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