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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 681

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Nationalismus
Date
1921-01-01
Page
681 (sequence 8)
Language
German
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Nationalismus 681 triebenen Studien über den engen Nationen, die verschieden und oft feindlich sind, ein großes Vaterland, das keine Kriege besudeln, das kein Eroberer * bedrohen kann und wo die Seelen die Zuflucht und die Einheit finden, die die civitas Dei ihnen in anderen Zeiten gegeben hat." Und unter den Aufständen des wachen aufklärenden Gewissens gegen die Suggestion des Nationalismusglaubens verdient die Bewegung der Intellektuellen in der Dreyfusaffäre besondere Erwähnung. Mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts beginnt eine Zeit der Auflösung der Gesellschaft durch Schwächung des sie tragenden Mythos. Dievungeheure Not des Daseins, das ewig uns anstarrende Rätsel des Lebens, die auf uns mit vernichtender Gebärde einstürmende Vielheit aller Dinge und aller Zusammenhänge, das dunkle Tier, das sich unerklärlich drohend immer wieder in uns erhebt, — all das wäre unerträglich, wenn nicht ein Glaube, ein tragendes Weltprinzip es zur Einheit bände und ihm Sinn und Zweck verliehe, Fernes und Unsicheres durch die Fäden des Mythos vertrauter gestaltend. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts schien das Leben seinen Sinn zu verlieren, die Gesellschaft löste sich auf in Einzelne, die Rätsel des Daseins starrten unverhüllt, alles begann fragwürdig zu werden. Die Mitlebenden nannten ihre Zeit kalt und seelenlos, keine großen Zielsetzungen banden das Leben zur Einheit, durchglühten es mit dem Feuer der Begeisterung, die Stelle des Seins vertrat das Haben. Man versuchte die Nacktheit mit Fetzen des Glaubens zu verhüllen, der übelste Staats- und Nationalromantismus feierte seine Triumphe. Der Weltkrieg begann; anscheinend der höchste Triumph des Nationalprinzips. Neue Nationalstaaten entstanden; auch in das erwachende Asien, in dem bis vor kurzem das noch heute fortwirkende Prinzip der religiösen Weltordnung allein herrschte, wie es Europa vor fünf Jahrhunderten beherrscht hatte, und bis zu den verschlafensten Völkern drang der Mythos des Nationalismus. Dennoch bedeutet diese Zeit das Ende der Klein- und Nationalstaaterei; wirtschaftlich und politisch beginnt die Menschheit ihr zu entwachsen; die nächsten Kriege werden Kontinente miteinander führen. Welch neuer Glaube aber die kommende Zeit tragen und einen wird, vermögen wir heute nicht zu sagen. Ebenso wenig wie wir zu sagen vermögen, durch welche wirtschaftliche Ordnung die der vergehenden Epoche eigentümliche kapitalistische abgelöst werden wird. .Nur das wissen wir, daß durch alle diese Zeitalter hindurch die Menschheit wächst, daß das Reich der Freiheit immer reicher aufblüht, und daß ihre Einheit immer deutlicher wird. In der Entwicklung der Menschheit wird das Zeitalter des Nationalismus seine außerordentliche Bedeutung bewahren: ihre Möglichkeiten haben sich vertausendfacht, an persönlicher Würde und Freiheit hat jeder Einzelne Ungeahntes gewonnen, ihre kommende Solidarität wurde immer tiefer verankert. Aber die weitere Verfolgung ihres Weges ist nur möglich durch Ueberwindung der gespensterhaft mit alten Fetzen seiner romantischen Jugend geschmückten Reste des politischen Nationalmythos. Der nationale

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